Im Dezember vergangenen Jahres versteigerte Christie’s in London eine wunderbar erhaltene, bunt gefasste und teilvergoldete norditalienische Kommode des 18. Jahrhunderts zum Vierfachen der oberen Taxe für knapp unter 582.000 Euro. Eine Woche später wurde bei Sotheby’s, ebenfalls in London, für 4,4 Mio. Euro die Harrington-Kommode im neo-klassischen George-III-Stil (um 1770) zugeschlagen, ein mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eigenhändiges Werk von Thomas Chippendale. Exquisite Möbel werden in ihrem Wert also geschätzt und behalten ihn nach Meinung von Experten wie Rainier Baarsen, Leiter der Abteilung Kunsthandwerk im Rijksmuseum Amsterdam, auch in Krisenzeiten.

Für diese aufsehenerregenden Preise sorgt eine kleine Gruppe internationaler Sammler, die ähnlich wie Investmentfirmen in den Spitzenstücken auch interessante Anlage-Objekte sieht. Eine besonders große Rolle in der Sammlergunst spielten jüngst italienische Tische, Tischplatten und Kommoden, die spektakuläre Preise erzielten.

Mit diesen Resultaten wird ein deutlicher Aufwärtstrend vor allem für exquisite Stücke sichtbar, zu denen natürlich auch die Möbel der Roentgenwerkstatt in Neuwied gehören. So erzielte im vorigen Jahr ein klassizistischer Verwandlungstisch, der nach langjährigem Privatbesitz beim Kölner Auktionshaus van Ham mit einer Taxe von 60.000 Euro zur Versteigerung kam, stolze 230.000 Euro: Und dieses Ergebnis verschaffte dem Tisch nicht nur den Ehrentitel des teuersten Möbels Deutschlands im Jahr 2010, sondern gilt auch als Zeichen dafür, dass sich die Preise von der krisenbedingten Stagnation erholt zu haben scheinen.

Stefan Döbner, Leiter des Möbel- und Kunstgewerbe-Departements bei Christie’s Amsterdam, erläutert die drei entscheidenden Faktoren beim Kauf antiker Möbel. Zunächst spiele die Marktfrische eine bedeutende Rolle: Je länger in einer Hand, desto besser, am besten sei es, wenn ein Möbelstück seit Generationen in Privatbesitz gewesen sei. Eine möglichst lückenlose Provenienz hält er ebenso für wichtig wie die Voraussetzung, dass ein edles Möbel möglichst selten – am besten nie – bei einer oder mehreren Auktionen den Eigentümer gewechselt habe.

Die Seltenheit wertvoller Objekte sei für deren Marktwert natürlich ebenfalls von großer Bedeutung, fährt Döbner fort. Und schließlich werde der Erhaltungszustand sehr kritisch unter die Lupe genommen: Restaurierungen dürften nur geringfügig und sehr behutsam unter Beibehaltung der natürlichen Patina ausgeführt sein.

Erschienen im Magazin Weltkunst, Ausgabe März 2011 © Weltkunst

So erfolgreich sich also das Topsegment manifestiert, so schwer tut sich die gediegene Mittelware seit einigen Jahren. Hier scheint sich eine breite Käuferschicht ganz neu orientiert zu haben. Denn seit Generationen gehörte die Einrichtung mit antikem Mobiliar zum guten Ton in den besseren Kreisen: Der repräsentative Kabinettschrank oder die elegante Barockkommode entsprachen dem Lebensstil gutverdienender oder wohlhabender Familien. Noch vor 20 Jahren wurden große Aufsatzschränke von 10.000 Euro aufwärts problemlos abgesetzt, heute werden dafür gerade noch 2000 bis 8000 Euro bewilligt. Was auch daran liegt, dass sie mit ihren beachtlichen Abmessungen in modernen Wohnungen kaum unterzubringen sind. Ähnlich erging es den einst so gefragten Kommoden des Barock oder der Louis-XVI-Zeit, die auch beachtlich von ihrem Marktpreis eingebüßt haben, falls es nicht Spitzenstücke sind. Und komplette Interieurs finden auf dem Möbelmarkt in allen Preisklassen heute kaum noch Interesse – dieses Genre hat offenbar ausgedient.

Zudem hat der seit einigen Jahren stark gewandelte Geschmack einer jüngeren Käuferschicht deutliche Spuren im Absatz von antiken Möbeln hinterlassen. Passé ist offenbar das Traditionsbewusstsein, wenn ein junges Paar seine Wohnung einrichtet, passé ist wohl auch das Vorbild des Elternhauses mit alten, oft ererbten Möbeln verschiedener Epochen. Auch das Interesse für überrestaurierte, hochglanzlackierte Möbel des 18. Jahrhunderts, die vor einiger Zeit noch hoch im Kurs standen, hat enorm nachgelassen und den Markt weitgehend einbrechen lassen. Gefragt ist jetzt Modernität. Vielleicht noch ein repräsentatives altes Stück als Blickfang, doch wird die Wohnatmosphäre der Aufsteigergeneration weniger durch Möbel als mit zeitgenössischen Bildern und, wenn es um Antiquitäten geht, mit Kunstobjekten vor allem jüngerer Epochen geschaffen. So hat der Markt für Design des 20. und 21. Jahrhunderts einen enormen Aufschwung genommen. Ein Trend, auf den die Tefaf vor zwei Jahren mit der Einrichtung einer eigenen Abteilung reagierte.

Was früher für einen Aufsatzsekretär ausgegeben wurde, wird heute lieber in einen der Stühle von Ron Arad investiert, die sich mittlerweile der 100.000-Euro- Schwelle nähern. Der Zickzackstuhl von Gerrit Rietveld, eine Ikone der niederländischen Formgebung der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts, der mittlerweile internationales Renommé erlangt hat, ist heutzutage in einer frühen Ausführung für geschätzte 10-15.000 Euro bei Christie’s Amsterdam im März zu haben. Mit circa 100.000 Euro beziffert Eric Philippe das nur einmal ausgeführte Esszimmer mit Tisch (Abb. linke Seite), zwölf Stühlen und einem Wandmöbel, 1923 von den dänischen Architekten Axel Salto und Christen Emanuel Kjaer Monberg entworfen, das er auf der kommenden Tefaf zeigen wird. Gefragt ist Vintage Design von Möbeln, die junge Sammler vor allem deshalb attraktiv finden, weil sie auf diese Weise eine solide und bezahlbare Anlage mit elegantem und zeitgemäßem Wohnen verbinden können.

Dieser Artikel ist erschienen in der Zeitschrift Weltkunst 03/2011