"Und was will uns der Künstler damit sagen?", lautet die nicht immer ernst gemeinte Frage von Menschen, die sich über moderne Kunst lustig machen wollen. Was aber, wenn sich diese Frage allzu leicht beantworten lässt?

Auf genau diesen Affront scheint es das Künstlerduo Allora & Calzadilla angelegt zu haben, das den amerikanischen Pavillon auf der 54. Internationalen Kunstausstellung in Venedig gestalten durfte.

Denn wenn dem Besucher am Samstag das erste Mal offiziell Einlass in die Giardini gewährt wird, erwartet ihn vor dem US-Pavillon ein Panzer, dessen Ketten mit einem Laufband auf seinem Deck verbunden sind. Eine Hochleistungssportlerin in knappen Höschen treibt das Laufband mit ihren Schritten an und setzt damit auch die rasselnde Killermaschine in Bewegung. Gloria heißt der offenkundig Großmacht-kritische Beitrag des Künstlerduos Allora & Calzadilla.

Wem der stählerne Körper der Sportlerin noch zu komplex gedacht ist, der wird im Inneren von der bronzenen Gestalt der amerikanischen Freiheitsstatue erwartet, die in einem Solarium liegt! Noch lauter tönt die kritische Botschaft der Künstler aus dem übernächsten Raum: Ein mit Orgelpfeifen verbundener Geldautomat lässt ein misstönendes Oratorium erschallen, wenn ein Besucher seine Kreditkarte einführt. Der Besucher erkennt die Absicht, geht weiter, und ist nicht mal verstimmt.

Gesamtideenwerk Schlingensief

Ganz anders im deutschen Pavillon. Da muss man nicht weitergehen. Man bleibt einfach stehen oder sogar sitzen. Inmitten einer revitalisierten und erweiterten Kirche der Angst des verstorbenen Künstlers Christoph Schlingensief kann man sogar auf Kirchenstühlen Platz nehmen, um von dort alles bequem zu überblicken.

Der deutsche Pavillon ist eine einzige Huldigung dieses jedem so sympathischen Künstlers . Dabei ist der Raum recht ungeniert auf die Emotionen seines Besuchers ausgerichtet. Der kann sich durch das Drama des nur kurz zurückliegenden Todes wahlweise korrumpiert oder eigenartig berührt fühlen. Vielleicht stehen die so initiierten Gefühle einem nüchternen und vielleicht auch relativierenden Blick auf die tatsächlichen Leistungen der ausgestellten Werke im Weg. Möglicherweise verhelfen sie aber auch den Filmen des Künstlers zu einer neuen, und vielleicht ehrlicheren Aufmerksamkeit. Das zumindest wünschen sich einige Schlingensief-Fans dringend .

Ein Land ein Haus

Doch stellt man Kirche und Bankautomat einmal gegenüber, fällt vor allem auf, dass das Konzept des kirchlichen Gesamtideenwerks dem gewollten Stückwerk der Amerikaner überlegen scheint. Das könnte dafür sprechen, dass das Konzept einer begehbaren Raumidee in den traditionellen Nationenpavillons tatsächlich gut geeignet ist, einem breiten Publikum zeitgenössische Kunst zu präsentieren.

Über den Sinn der nationalen Leistungsschauen wird immer wieder diskutiert. Den Ländern ist bei der Gestaltung ihrer Häuser traditionell freie Hand gelassen. Dass alles übermalt, entkernt und verklebt wird, scheint dabei schon länger selbstverständlich, ja erwartet. Sogar Böden dürfen aufgestemmt werden. So geschehen 1993: Hans Haacke erhielt damals für seine Umgestaltung des deutschen Pavillons den Goldenen Löwen. Die Veranstalter, so scheint es, lassen sich höchstens noch mit Plänen zu einer Komplettsprengung eines Pavillons nervös machen.

Während die Amerikaner auf politisches Stückwerk setzen oder die Dänen ihren Pavilion for revolutionary free speech gleich von 33 Künstlern füllen lassen – und dabei dennoch eigentlich gar nichts hängen bleibt –, verwandeln gleich mehrere Nationen ihre Pavillons in begehbare Spielwiesen. Franzosen, Schweizer, Briten, Deutsche und Österreicher etwa haben sich für sehr eigene, sehr hermetische Ideenwelten entschieden, und sozusagen für das Konzept "Kunstgeisterbahn zur Selbstbegehung".