Was Kunst ist und was nicht, bestimmt häufig die Art und Weise, in der sie dargeboten wird. Bei Ausstellungen funktioniert das tadellos, in Galerien, oft auch in Innenhöfen von Rathauspassagen oder in Foyers mittelständischer Unternehmen. Auch im Netz lässt sich leicht nach Kunst und Nicht-Kunst sortieren. Auf Ebay etwa gehören "Antiquitäten & Kunst" zu den Hauptkategorien. Bei flickr kann man neben "Foto" und "Screenshot" gezielt nach "Illustration/Kunst" suchen.

Ausgerechnet der App Store von Apple war bislang kunstfreie Zone. Es gibt hier zwar sogar eigene Kategorien für "Soziale Netzwerke" und "Spiele". Aber eben keine "Kunst". Dabei ist eine mobile App die logische Fortsetzung des Tafelbildes, findet Peter Weibel, Künstler und Kurator und Vorsitzender des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe. "Früher gab es Fresken, dann das wegen seiner Beweglichkeit ungeheuer erfolgreiche Tafelbild auf Leinwand oder Holz, heute gibt es Apps, mit denen die Kunst so mobil geworden ist wie noch nie zuvor", sagt er.

Weil aus der praktischen Anwendungsform inzwischen längst Kunst geworden sei, hat sich das ZKM entschlossen, einen Preis für die besten Art Apps ins Leben zu rufen. 10.000 Euro in drei Kategorien erhalten die Ausgezeichneten. Dabei unterscheidet die Jury – nicht ganz typisch für einen Kunstpreis – zwischen technischer und künstlerischer Innovation. Das ist, als hätte man zum Beispiel Leonardo da Vinci einen Innovationspreis verliehen für den Versuch, sein letztes Abendmahl nicht als Fresco, sondern al secco, also statt mit Pigmenten mit Öl auf eine trockene Wand zu malen. Und ihm dann den Kunstpreis für eine seiner vielen Illustrationen verliehen.

In der Jury sitzen Personen wie Ivo Wessel, ein Software-Entwickler und Kunstsammler aus Berlin, oder Jürgen Jähnert, von der 
Innovationsagentur des Landes Baden Württemberg für IT und Medien. Entschieden hat sich diese Jury interessanterweise kaum für Arbeiten, die ausschließlich so als App möglich gewesen wären, also auch nur auf Geräten funktionieren könnten, die in der Tasche mitgenommen werden, die ganz genau wissen, wo sich ihre Besitzer gerade aufhalten, und mit denen man kommunizieren kann. Vielmehr blieben die Juroren in ihrem Verständnis von App Art der klassischen Computerkunst verhaftet – wenn man bei Computerkunst überhaupt schon von klassisch sprechen kann.

So fällt auf, dass eigentlich fast alle Apps der Ausstellung auch auf einem unvernetzten, stationären Bildschirm mit Touch-Funktion funktionieren könnten. Und obwohl die Mobilität und der Gedanke, dass dank der Apps "nun jeder Smartphone-Besitzer eine Art Medienmuseum" mit sich "in der Tasche tragen" könne, vom ZKM eigens betont werden, gibt es unter dem ein Dutzend Werke, die für die Ausstellung ausgewählt wurden, eigentlich nur eine App, die den Besitzer nötigt, den Ort zu wechseln: City Hero funktioniert wie digitales Monopoly und erinnert sehr an das mobile Netzwerk Foursquare . Man checkt ein, wenn man einen bestimmten Ort – Café, Sehenswürdigkeit, Freizeitstätte – als erstes betreten hat, kauft diesen Ort und kann in der Folge von jedem weiteren Besucher Geld verlangen.

Auch Limbo des Künstlers Simon Faithfull versieht die Werke immerhin mit geografischen Daten, also tagged die Bilder mit dem Ort ihrer Entstehung. Die Idee dahinter ist jedoch sehr simpel: Man kann die vom Künstler auf dem iPad gezeichnete Kunst in Echtzeit abrufen.

Gänzlich fehlt Kritisches, Selbstreferentielles, etwa eine App, die Fragen des Datenschutzes oder des veränderten Kommunikationsverhaltens thematisiert. Die Auswahl der Werke für die Ausstellung changiert letztlich etwas unentschlossen zwischen Apps, die eigentlich eher Plattformen für Kunst sind, Apps zur Kunst- beziehungsweise Musikproduktion selbst und hübsch designten Spielereien.