Nackter als die Menschen auf Lucian Freuds Aktbildern kann man nicht sein. Sie sehen aus, als hätten sie sich noch ein weiteres Mal ausgezogen. Für ihn sei immer das Aufregendste gewesen, "durch die Haut das Blut und die Venen zu sehen", sagte Freud einmal. Seine Porträts wirken wie ein Versuch, die Echtheit des Fleisches greifbar zu machen. Das, was er mit den Augen abtastete, sollten auch wir auf der Leinwand erleben. Eine krustige, nervöse, verstörende Struktur. "Die Gesichter sind roh, die Linien der Mimik vom Leben durchgeschüttelt, die Gestalten werden zu Landschaften, die von Leidenschaften, Hoffnungen, Verzweiflung umgepflügt wurden."

Mit diesem radikalen Realismus wurde er, ein Enkel des berühmten Psychoanalytikers Sigmund Freud, berühmt. Lucian Freud wurde am 8. Dezember 1922 in Berlin geboren und emigrierte 1933 mit seiner Familie nach London, wo er unter anderem am Goldsmiths College Kunst studierte. In den sechziger Jahren, als die Konzeptkunst ihren Platz markierte, konzentrierte er sich auf die figurative Porträt- und Aktmalerei. Ab den siebziger Jahren gehörte er neben Francis Bacon und Frank Auerbach zu einer Gruppe, die sich lose als School of London of Figurative Art bezeichnete.

Sein Nachname Freud war nie wirklich trennbar vom machtvollen Stammbaum. "Dennoch war mein Vater sehr eigenständig und hat sich vom Rest des Clans eher ferngehalten", sagte Lucians Tochter, die Schriftstellerin Esther Freud. Mit seinem Bruder Clement, dem 2009 verstorbenen, liberaldemokratischen Politiker, war der Maler tief verstritten. "Auch über meinen Urgroßvater Sigmund haben wir kaum geredet", erinnerte sich Esther Freud. "Ehrlich gesagt wusste ich bis in meine späten Teenagerjahre überhaupt nichts über ihn."

Analytiker würden die Verarbeitung des großväterlichen Vermächtnisses in den Arbeiten des Enkels wahrscheinlich sofort erkennen. Im Hause von Sigmund Freud wurde – damals zeitgemäß – über Sex kein Wort verloren. Die Kinder kannten den strengen Vater nur im feinen Anzug und die Damen des Hauses in hochgeschlossenen Kleidern. Arme und Beine waren komplett verhüllt, was den ältesten Sohn Martin lange glauben ließ, seine Schwestern hätten überhaupt keine Beine.

Lucian Freuds Aktporträts wirken, als wollte er den Widerspruch im Handeln des dominanten Großvaters, der alles andere als treu war, nach außen kehren und dessen Theorien sprichwörtlich "entblättern". Dabei war Lucian Freuds eigenes Leben nicht gerade stromlinienförmig. So streng und extrem konzentriert er als Künstler gewirkt hat, so unstet war sein Privatleben, das in den britischen Medien gerne als hitziges Abenteuer eines cholerischen Casanovas beschrieben wurde. Einer, der diverse Kinder mit verschiedenen Frauen zeugte, das Glücksspiel liebte und sich immer wieder zu Prügeleien provozieren ließ. Eine Auseinandersetzung mit einem Taxifahrer Ende der siebziger Jahre verarbeitete Freud in seinem Selbstporträt mit blauem Auge . Das kleine Bild wurde 2010 Jahr bei Sotheby’s für 4,4 Millionen Dollar versteigert.

Seit den neunziger Jahren erzielten Freuds Arbeiten auf Auktionen enorme Summen . Die Galeristin Pilar Ordovas machte sich 2005 einen Namen, als sie sein wichtiges Gemälde Red Haired Man on a Chair von 1963 für rund sechseinhalb Millionen Euro versteigerte. Ordovas, damals Leiterin der Abteilung für zeitgenössische Kunst bei Christie’s in London, hatte ein halbes Jahrzehnt auf das Bild gewartet. "Ich bin extrem traurig, nicht nur, weil wir einen der besten, zeitgenössischen Künstler, sondern ich einen Freund verloren habe", sagt sie. "Seine Hingabe und sein Fokus auf seine Arbeit waren einzigartig. Er hat jedes Bild angefangen mit dem Ansporn, dass es das beste von allen werden sollte. Er hat bis an sein Limit gemalt, bis zum Schluss."