Zwei Monate nach Eröffnung der Kunstbiennale in Venedig gerät die Empörung über die dort gezeigte Konsenskunst und die Galaisierung der Lagunenstadt langsam in Vergessenheit. Das ist auch gut so: Denn die Biennale läuft noch bis November, und die Zeit nach dem ersten großen Ansturm eignet sich am besten für die Entdeckung einiger sehenswerter Kunstprojekte. Die Giardini sind noch nicht allzu ramponiert, man verbringt deutlich weniger Zeit in Schlangen, dafür mehr vor den Arbeiten selbst. Und hat auf jeden Fall genug Zeit, um selbst zu entscheiden, ob die gezeigte Kunst dieses Jahr tatsächlich langweiliger oder doch subtiler ausfällt als in den Vorjahren.

Im Eröffnungstrubel sind leider einige im Stadtraum verteilte Veranstaltungsorte untergegangen. Der Palazzo Pisani , von der für den Turner-Prize nominierten Karla Black in eine pastellenen Skulpturenlandschaft aus duftenden Seifen, feinem Marmormorstaub und knisterndem Zellophan verwandelt, beeindruckt mit seiner raffinierten Kombination aus Sinnlichkeit und Abstraktion. Aber auch die Präsentationen von Island, Mexiko und dem Irak, die sich in Stadthäusern von ruinenhaftem Charme befinden, lohnen einen Besuch.

Die irakischen Künstler schaffen mit ihren facettenreichen Arbeiten einen reizvollen Kontrast zu den verlebten Räumen der Gervasuti Foundation (Castello N° 995). Von den raumgreifenden Installationen Walid Sitis bis zu Adel Abidins von Star Wars inspiriertem Video Consumption of War , thematisieren die meisten Werke auf berührende Weise das Ringen des Iraks um Normalität.

Under Deconstruction heißt die isländische Präsentation im ehemaligen Wäschehaus des Palazzo Zenobio. Gemeinsam mit der Kuratorin Ellen Blumenstein hat das spanisch-isländische Duo Libia Castro und Ólafur Ólafsson das in einem verwilderten Garten gelegene Gebäude in eine Installation verwandelt. Die Multimedia-Künstler begnügen sich jedoch nicht damit, ihre sozialkritischen Arbeiten in die wildromantische Architektur zu integrieren. Sie haben ihr Langzeitprojekt Your Country Doesn’t Exist demonstrativ in den venezianischen Stadtraum erweitert: Die Mezzosopranistin Ásgerdur Júníusdóttir stimmte einen mehrsprachigen Abgesang auf die Utopie der Nationalidee an, während sie mit ihrer musikalischen Begleitung durch Venedigs Kanäle gondelte.

Aber nun zum heimlichen Favoriten: Im ehemals prunkvollen Palazzo Rota Ivancich findet man Mexiko, vertreten durch die britische Künstlerin Melanie Smith . Smith, die bereits seit 1989 in Mexiko City lebt und dort im Kreise von Künstlern wie Gabriel Orozco oder Francis Alÿs arbeitet, hat nie das Renommee ihrer männlichen Kollegen erreicht. Dass ausgerechnet sie nun das Land repräsentiert , lässt sich der Kunstszene gleichermaßen als Fort- wie auch Rückschritt interpretieren. Denn Smith’ Ausstellung ist fast schon erschreckend unpolitisch. Die Künstlerin fragt in ihren Filmen, Bildern und Installationen, was im lateinamerikanischen Kontext eigentlich mit der Utopie der westlichen Moderne passiert.