ZEIT ONLINE: Herr Stella, was ist das für ein Objekt, das auf Ihrem Tisch steht?

Frank Stella: Ich arbeite gerade an Remembering Henry. (Nimmt eines der Modelle, benannt nach seinem Freund und Künstlerkollegen Henry Geldzahler, aus weißem Kunststoff zur Demonstration vom Tisch, dreht es in seiner Hand.)

ZEIT ONLINE: Sie sind berühmt für Ihre raumgreifenden Skulpturen. Bauen Sie jedes Objekt zuerst als kleines Modell?

Stella: Ja, nach dem Rapid-Prototyping-Verfahren. Eine komplizierte Idee kann zum Beispiel so aussehen. (Knautscht eine Serviette zu einem Knäuel) Dieser Entwurf wird dann von meinen Computer-Leuten gescannt. Ein computergesteuerter Laser schneidet den eingescannten Entwurf Schicht für Schicht aus einem Kunststoffquader – ein dreidimensionales Modell.

ZEIT ONLINE: Wie sehr haben die technologischen Möglichkeiten Ihre Arbeitsweise als Künstler verändert?

Stella: Ich kann häufig nicht voraussagen, was am Ende entsteht. Ich bewege diese komplexen Formen im Computer, rotiere sie und setze sie zusammen. Ich weiß oft nicht einmal, wo oben und unten ist, hinten und vorne. Am Ende muss ich mich entscheiden: Für einen Winkel, eine Ausrichtung an der Wand oder im Raum und so weiter. Ansonsten hat sich für mich wenig geändert. Da ich eher unschuldig bin, was diese Verfahren angeht, habe ich Leute, die das für mich machen. Ich bezahle die Rechnungen. (lacht)

ZEIT ONLINE: Wie kompliziert ist die Reproduktion des Modells in einem größeren Format?

Stella: Man kann ein Modell nicht eins zu eins umsetzen. Je größer eine Skulptur am Ende sein soll, desto wichtiger werden die Materialeigenschaften, die Statik und das Stützsystem, damit die Konstruktion nicht in sich zusammenfällt. Remembering Henry wird rund sechs, sieben Meter hoch sein, aus weißer Kohlenstoffaser und geschweißtem Aluminium. Für die Umsetzung braucht man Spezialisten.

ZEIT ONLINE: Wie würden Sie Ihre Entwicklung von der minimalistischen Malerei zu den großen, raumumfassenden, dreidimensionalen Malereien und Skulpturen beschreiben?

Stella: Ich bin relativ einfach gelieben, ich mache abstrakte Kunst. Das bedeutet, dass ich mich zunächst mit der Oberfläche beschäftige. Und das in einer abstrakten Art und Weise, mit der Farbe, wie sie ist, und der materiellen Qualität der Farbe, wie sie ist. Das Ziel war, ein hohes Niveau an Qualität, ein pures Gefühl wie Malewitsch zu erreichen und sich dennoch nicht zu beschränken. Sich einen working space zu schaffen, wie ich mein Buch betitelt habe. Das ist es, wonach Künstler suchen: einen Raum, in dem sie arbeiten können.

ZEIT ONLINE: Die Neue Nationalgalerie in Berlin stellte im Frühjahr ihr Werk Der Michael Kohlhaas-Vorhang aus. Viele Ihrer Werke sind von Heinrich von Kleist inspiriert. Was verbindet Sie mit ihm?

Stella: Wir haben ihn im College gelesen. Dann habe ich ihn wieder entdeckt. Vor rund zehn Jahren fand ich in einem Buchladen eine Ausgabe mit einer Auswahl der ins Englische übersetzten Liebesbriefe Kleists. Die haben mich umgehauen. Die Briefe sind wild. Kleist war auf seine Art ziemlich verrückt. Diese endlosen Briefe waren sehr bewegend, einfach großartig. Ich habe einige sehr große Gemälde gemalt, aber die Stücke, die mir am meisten gefallen, sind die sehr kleinen, die sich auf die Liebesbriefe Kleists beziehen.

ZEIT ONLINE: Warum?

Stella: Sie brachten mich zurück zu Kleist. Er wurde reell für mich. Ich weiß, es klingt bescheuert und ich benutze das Wort immer wieder. Was es bedeutet? Zum einen, dass man überzeugt ist von den beschriebenen Gefühlen oder der realitätsgetreuen Darstellung einer Person im Bild. Das zu verstehen, was du machst, das ist real.