Aufräumen nervt eigentlich immer. Wenn man es gründlich tut, alles in Schubladen und Schränken verstauen möchte, endet es meist damit, dass man spätestens beim Sortieren des CD-Regals hängen bleibt und zu gar nichts mehr kommt. Macht man eine, wie das bei Putzfirmen so schön heißt, "Sichtreinigung", dann geht die zwar schnell und sieht super aus, aber für den Preis, dass alles in die Schränke und Schubladen gestopft ist. Und das Schlimmste am Aufräumen: Es bleibt nie aufgeräumt.
Da wundert es einen, dass das Aufräumen erst jetzt von der Kunst entdeckt wurde. Wo doch alles da ist, wovon die Kunst lebt: der Frust am Unvollendeten genauso wie die Möglichkeit der Perfektion.

Dazu der Irrsinn, immer wieder nach dieser Perfektion zu suchen. Genau darum geht es auf den Bildern von Ursus Wehrli. Und das sieht dann so aus: Links ein Teller Buchstabensuppe, rechts derselbe Teller, nur dass sich die Buchstaben jetzt in Reihen von A, C, E oder H befinden, und untendran noch eine Reihe mit den Möhrenstückchen aus der Suppe. Oder der Schulhof: Links Kinder, die herumrennen, Bälle werfen, Himmel und Hölle spielen, rechts liegen sie dann alle, nach Farben geordnet, auf dem Boden. Gut ist auch die Wäscheleine: Links trocknet die Wäsche bunt durcheinander, rechts sind Hemden und Hosen schön nach Farben sortiert. Selten waren die Schönheit und Anmaßung jeder menschlichen Ordnung so komisch auf den Punkt gebracht.

Die Kunst, aufzuräumen hat Wehrli seinen Fotoband genannt, der gerade im Verlag Kein & Aber erschienen ist. Wobei Kunst das Erste war, was er aufgeräumt hat. Da hat er Bilder berühmter Maler genommen, die durcheinandergewürfelten Formen von Kandinsky oder Matisse, die bunten Flächen von Keith Haring oder die zarten Striche von Miró. Die hat er auseinandergepuzzelt und sortiert: nach Größe und Farben, in Reihen und Häufchen. Kunst aufräumen hieß das Buch aus dem Jahr 2002, das sich 500.000 Mal verkauft und Wehrli weltweit bekannt gemacht hat. Wegen seines Humors und der Chuzpe. Dass da einer der Komplexität moderner Kunstwerke dadurch begegnet, dass er sie ordnet wie eine Sockenschublade.

So einen Aufräumkünstler will man natürlich zu Hause besuchen. Aber nur unter einer Bedingung, sagt Wehrli. Dass er nichts aufräumen müsse. Er bekomme ohnehin schon die seltsamsten Angebote, Einladungen zu Putzfachtagungen etwa. Ursus Wehrli wohnt in einer der unordentlicheren Ecken von Zürich, im Kreis 5, dort, wo die Stadt laut und industriell ist. Wehrlis Haus wäre allein schon eine Geschichte wert, ein modernes Hochhaus, in dem alle Wohnungen für WGs angelegt wurden, manche haben bis zu 13 Zimmer. Im Erdgeschoss sind kleine Läden und Büros, dazwischen Fahrradkeller, dementsprechend wuselig geht es zu.

Ursus Wehrli, der mit Frau und Kind in einer Maisonettewohnung lebt, bittet in sein Arbeitszimmer. Das ist auf den ersten Blick bis unter die Decke vollgestopft: mit Büchern, CDs, Stiften, Papierstapeln, Kinderzeichnungen. Doch in sich ist alles penibel geordnet. Die vielen gelben Post-its über dem Schreibtisch sind in geraden Reihen aufgeklebt, die Plastikhüllen auf der Ablage nach Farben sortiert, die Schlüssel nach der Größe. Auf einem Haken hängen Krawatten übereinander, auf einem anderen die Bitte-nicht-stören-Schilder aus diversen Hotels. Für Ursus Wehrli sieht so der Idealzustand aus: "Chaotisch, aber geordnet." So wie in der Natur, in der jedes Durcheinander einen Sinn habe. Gut zu beobachten auf Wehrlis Bild, das ein aufgeräumtes Gänseblümchen zeigt. Die Ästhetik ist dahin, sobald die Blütenblätter in einer Reihe liegen. Das sei auch der Grundfehler der künstlich hergestellten Ordnung, sagt Wehrli. Dass sie gegen das Leben sei.