Die Nachricht ist ein schwerer Schlag – und ein überraschender dazu: Das Deutsche Guggenheim mit Sitz Unter den Linden , eine der wichtigen Kunstadressen in der Stadt, schließt zum Jahresende seine Räume. Nach 15 Jahren – zweimal war im Fünfjahres-Takt verlängert worden – endet die Zusammenarbeit zwischen der Deutschen Bank und dem Solomon R. Guggenheim Museum in New York. Einer der renommiertesten Ausstellungsorte, der sich stets auf Augenhöhe mit den Museen der Stadt befand, geht Berlin damit verloren. Ein herber Verlust für die Kunstszene, den die Deutsche Bank am Montag gleichwohl als positive News zu verkaufen suchte: Die Halle soll fortan zusammen mit dem Atrium des Gebäudes als Forum "für den so wichtigen Dialog zwischen Wirtschaft und Politik" genutzt werden.

Als 1997 die Zusammenarbeit zwischen dem Bankhaus und dem New Yorker Museum begründet wurde, war das der Startschuss für ein höchst ambitioniertes Ausstellungsunternehmen in privater Hand. Künstlerstars wie Jeff Wall und Anish Kapoor, die in den Museen bis dahin unterrepräsentiert waren, erhielten in Berlin endlich ein Forum. Für Almech , die letzte Ausstellung, verlegte Pawel Althammer eine ganze Fabrik aus Polen nach Berlin. Knapp 30 lebensgroße Figuren standen am Beginn von Almech in den Räumen, am Ende waren es dreimal so viele. Ihre Gesichter waren Gipsabdrücke, die Besucher beigesteuert hatten, die Körper stammten aus den importierten Maschinen, die weiße Kunststoffwürste ausspuckten. Ein Publikumsrenner. Aber auch für Experten ein Volltreffer, denn alle schauen momentan auf die junge polnische Kunstszene.

Diese Punktgenauigkeit haben die Kuratoren seit 1997 immer wieder bewiesen. Sei es, weil sie der in Marokko geborenen Yto Barrada als "Künstlerin des Jahres" die erste institutionelle Einzelausstellung ermöglichten und dabei mit Okwui Enwezor und Catherine David gleich zwei ehemalige Documenta-Leiter diskutieren ließen. Sei es, weil sie mit Phoebe Washburn 2007 eine Künstlerin einluden, deren absurdes Recyclingmonster Regulated Fool’s Milk Meado w sich zeitgemäß mit den Themen Müll, Konsum und Überfluss beschäftigte.

Daneben gab es spektakuläre Blicke auf die Kunstgeschichte. Colour Fields vom Winter 2010 zum Beispiel: als Ausstellung aus den Beständen des New Yorker Stammhauses, das die Farbfeldmalerei schon zu ihren Entstehungszeiten zeigte. Ähnlich einmalig die Einzelschau Jackson Pollock 2005, die das zeichnerische Werk des Expressionisten für die Berliner zugänglich machte. Nicht zu vergessen die wunderbaren Projekte mit Künstlerkuratoren, wie sie sonst in der Stadt selten zu sehen sind.

Setzt die Deutsche Bank zukünftig auf Bildungsförderung?

Im Sommer 2008 realisierte die Künstlerin Collier Schorr mit Freeway Balconies auf Einladung der Guggenheim Foundation eine Gruppenausstellung, die als Selbstporträt wie auch als Bestandsaufnahme der Trends in der amerikanischen Kunst zu lesen war. Drei Jahre zuvor hatte schon Douglas Gordon etwas Ähnliches mit Vanity of Allegory probiert – er verwob dafür Arbeiten von Andy Warhol, Frederico Fellini, Walt Disney und Marcel Duchamp miteinander.

Darüber hinaus fungierte die Deutsche Guggenheim als Schaufenster für die Sammlung der Bank mit über 50.000 Arbeiten. Die Jubiläumsschau zum 25. Geburtstag der Deutsche Bank Collection im Sommer 2005 wurde in der Ausstellungsarchitektur von Zaha Hadid präsentiert. Ein anderes wichtiges Kapitel sind die Auftragsarbeiten, mit eigens für die Sammlung geschaffenen Werken etwa von Anish Kapoor, Gerhard Richter, Jeff Koons oder William Kentridge.

Die Hintergründe für die Verlagerung des Engagements der Deutschen Bank weg von der Kunst hin zur "Wirtschaft und Politik" sind nicht ganz klar. Die Bank selbst möchte sich nicht dazu äußern. Schon 2011 hatte sich das Geldinstitut als Hauptsponsor des Deutschen Pavillons auf der Biennale Venedig zurückgezogen. Wie andere große Unternehmen, etwa Siemens und Allianz, scheint es sich stärker auf die Bildung zu verlegen. Der Hinweis auf den kontinuierlichen Ausbau des Unternehmens in Berlin – des weltweit fünftgrößten Standorts, was die Mitarbeiterzahl betrifft – lässt dies ebenfalls vermuten. Eine Kunstgalerie umgibt trotz aller Führungen und pädagogischer Angebote stets der Ruch des Elitären. Aber die Konkurrenz für das neue Engagement ist groß: In unmittelbarer Nachbarschaft gibt es bereits zahlreiche Adressen, die sich dem "Dialog" verschrieben haben: die Allianz-Versicherung, Bertelsmann, die DG-Bank, die Akademie der Künste. Mit der Schließung der Galerie verliert die Bank ihr Alleinstellungsmerkmal.