Manchmal, wenn Marion Franchetti durch die Straßen geht, kann sie die Schönheit der Stadt immer noch nicht fassen. Und wenn die gebürtige Römerin auf der Dachterrasse ihrer Wohnung sitzt, dann liegt sie ihr zu Füßen: Roma. Das ewige Rom. Das antike Rom. Das Rom der frühchristlichen Basiliken. Das Rom von Renaissance und Barock mit seinen Kirchen, Palästen und Plätzen, wo über Jahrhunderte die größten Künstler Europas ihre Spuren hinterlassen haben. Aber sie kennt auch die Momente, in denen sie, die Kunstsammlerin und Tochter und Enkelin von Kunstsammlern, diese Pracht als Last empfindet. Marion Franchetti gehört zu denen, die sich nicht damit abfinden wollen, in einem faszinierenden, riesigen Museum zu leben. Sie will wissen, was die Künstler der Gegenwart umtreibt.

Und damit ist sie nicht allein. In den letzten Jahren hat die römische Kunstszene einen Boom erlebt wie schon lange nicht mehr. Künstler ziehen in die Stadt. In den engen Gassen zwischen der Piazza Navona und dem Campo dei Fiori ist ein Galerienviertel von überregionaler Ausstrahlung entstanden. Sie heißen Monitor, Magazzino, Federica Schiavo, S.A.L.E.S., T 293 oder Frutta 1/9, sind jung und ambitioniert. Seit den späten Nullerjahren gibt es hier zwei frische Kunstmagazine, eines nennt sich "Nero", das andere "Cura", und beide halten ihre Leser zuverlässig auf dem aktuellen Stand.

Fast noch wichtiger: Es wurden auch zwei neue Museen für zeitgenössische Kunst gegründet, das Museo d’arte contemporanea di Roma (Macro) und das Museo nazionale delle arti del XXI secolo (MAXXI). Ein Quantensprung in der italienischen Kulturlandschaft, in der die Biennale von Venedig und das Castello di Rivoli in Turin die längste Zeit die einzigen maßgeblichen Institutionen waren, in denen Kunst von heute vorkam. Und nicht zuletzt sind da eine Reihe von privaten, hervorragend vernetzten Kunststiftungen, die direkten Anschluss garantieren an das Geschehen in New York und London, Paris und Berlin. "Es gibt in Rom eine Generation von Leuten zwischen Mitte zwanzig und Mitte vierzig, die beschlossen haben, in Kultur zu investieren", sagt Maria Alicata, Kuratorin für Gegenwartskunst am Macro, "und das sowohl finanziell als auch ideell." Gerade wurde der neue Macro-Direktor ins Amt eingeführt. Bartolomeo Pietromarchi ist 43 Jahre alt und gilt in der gerontokratischen italienischen Gesellschaft als junger Hüpfer. "Pietromarchi macht einen wunderbaren Job", schwärmt der Galerist Norberto Ruggeri. Ruggeri und sein Partner Massimo Minini haben ihre Galerie S.A.L.E.S. 1994 in der Nähe des Kolosseums aufgemacht. Damit zählen sie bereits zu den Veteranen der Szene. Sie vertreten Künstler wie Wolfgang Tillmans und Michel François, haben den niederländischen Zeichner Marcel van Eeden entdeckt und nehmen regelmäßig weltweit an Messen teil. "Als wir unsere Galeriearbeit begonnen haben, war nicht ein einziger Künstler aus Rom im Programm. Es gab einfach keinen. Das hat sich inzwischen geändert. Und mittlerweile haben wir auch eine Reihe von sehr gut informierten Sammlern in der Stadt."

Erschienen in Weltkunst.

Zum Beispiel Marion Franchetti Schiavone Panni. Ihr Urgroßvater, Baron Giorgio Franchetti, hatte eine Vorliebe für byzantinische Kunst und die Frührenaissance. 1895 erwarb er die Ca’ d’oro in Venedig, ließ den Palazzo am Canale Grande denkmalgerecht restaurieren und präsentierte dort seine Kunstschätze. 1915 schenkte er das Ganze dem italienischen Staat. Ihr Vater dagegen hatte es schon mehr mit den Zeitgenossen. Er kaufte in den Fünfzigerjahren Werke von Piero Manzoni und Enrico Castellani, reiste auf Anregung seines Freundes Plinio de Martiis, Gründer der legendären Galerie Tartaruga, in die USA. Und kam mit Gemälden der abstrakten Expressionisten Franz Kline, Robert Motherwell und Willem de Kooning zurück. Er war nicht der einzige Franchetti mit scharfem Blick für die Kunst seiner Zeit: Seine Schwester Tatiana ehelichte 1959 in New York den Maler Cy Twombly. Später stieß Giorgio Franchetti junior große Teile der Amerikaner wieder ab und konzentrierte sich auf italienische Künstler. "Ich wurde in einem Haus voller Bilder geboren", sagt seine Tochter, die nach dem Tod des Vaters die Hälfte der Sammlung erbte. Als Marion Franchetti ihre erste Arbeit erwarb, war sie achtzehn. Aber sie wusste genau, was sie tat: Sie kaufte ein Stoffbild von Agliero Boetti.

Im Jahr 2007 fiel die charmante Dame mit den schulterlangen braunen Haaren dadurch auf, dass sie an einer Kunstaktion der polnisch-schwedisch-amerikanischen Künstlerin Aleksandra Mir teilnahm: Zu fünft fuhr man in einem silbernen Rolls, Baujahr 1977, in drei Tagen von Palermo nach Venedig, um dort pünktlich zur Eröffnung der Biennale den nicht existenten sizilianischen Pavillon einzuweihen. Das Video ist ein sympathisches Roadmovie mit reichen Hippies und einem ernsten Hintergrund. In der italienischen Politik gilt Sizilien wie der ganze Süden immer noch als anderes Land. Heute interessiert sich Marion Franchetti für "ein bisschen von allem" – und sammelt entschieden international. Dabei berät sie ihr Bruder: "Er lebt in London und hat ein unglaubliches Auge."

Andere sind noch weiter gegangen. Sie haben Stiftungen gegründet und damit das kulturelle Leben in Rom nachhaltig in Schwung gebracht. Der Rechtsanwalt Giovanni Giuliani stellt in seiner gleichnamigen Fondazione in einem römischen Palazzo an der Via Gustavo Bianchi aus – aber nicht etwa Werke aus der eigenen, umfangreichen Sammlung. Er hat einen Kurator angestellt, dem er für das Ausstellungsprogramm freie Hand lässt. Das Resultat: viel Aufmerksamkeit und ein Ruf, der schon nach kurzer Zeit weit über Rom und Italien hinausstrahlt.