Haltung bewahren, selbst ohne Kopf

ZEIT ONLINE: Herr Moorhouse, Sie haben die Ausstellung Queen: Art & Image anlässlich des Thronjubiläums kuratiert: Die National Portrait Gallery zeigt 60 Porträts der Queen aus 60 Jahren Regentschaft . Die Queen ist auf jeder britischen Briefmarke zu sehen. Wozu noch diese Bilderschau?

Paul Moorhouse: Anlass der Ausstellung sind natürlich die Feierlichkeiten im Rahmen des Thronjubiläums . Die Schau hätte eine bloße Biografie der Queen in Porträts werden können, aber ich wollte die Bilder hinterfragen. Die Ausstellung soll zeigen, wie die Porträts die öffentliche Wahrnehmung beeinflusst haben, aber auch, wie gesellschaftliche und künstlerische Entwicklungen die Bilder geprägt haben.

ZEIT ONLINE: Die 60 Porträts sind nur ein kleiner Ausschnitt aus der Masse von Bildern, für die Queen Elizabeth Modell gesessen hat...

Moorhouse: Es gibt sehr, sehr viele offizielle Porträts. Die Queen sitzt häufiger Modell als jeder andere europäische Monarch. Die meisten Aufträge für königliche Porträts stammen allerdings nicht vom Königshaus, sondern von Organisationen oder von Universitäten.

Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild. © Chris Levine/Courtesy Mr Kevin P.Burke and the Burke Children. Private Collection

ZEIT ONLINE: Warum lässt sie sich so oft abbilden?

Moorhouse: Die Queen lehnt selten eine Anfrage ab. Sie betrachtet es nicht nur als Teil ihrer Aufgaben, Modell zu sitzen – sie akzeptiert auch jedes fertige Bild, urteilt nicht darüber und kommentiert es nicht. Nach dem Porträt von Justin Mortimer, einem Auftrag der Royal Academy of Arts im Jahr 1998...

ZEIT ONLINE: ...auf dem eine Queen zu sehen ist, deren Kopf sich vom Körper zu lösen scheint, schrieb die Boulevardpresse "Off with her head!".

Moorhouse: Das Königshaus beauftragte den gleichen Künstler noch einmal, um Lord Chamberlain zu malen. Sie scheint es ihm nicht übel genommen zu haben, obwohl es ein beunruhigendes Bild ist.

ZEIT ONLINE: Wenn sie empfindlicher wäre, hätte sie Lucien Freud wohl auch nicht Modell gesessen. Oder gab es Anzeichen dafür, dass er ihr schmeicheln würde?

Moorhouse: Freuds Bildsprache schmeichelt nicht. Sein Porträt der Queen tut dies auch nicht. Bemerkenswert ist es dennoch: Er bildet anstatt Schönheit eher Erfahrung und Weisheit ab. Die Frau auf dem Bild wirkt geerdet, ganz normal. Nur eben mit einer Krone auf dem Kopf, die leicht schief sitzt. Mit seinem Bild verdeutlicht er, wie merkwürdig es sein muss, die englische Königin zu sein: Sie ist eine Person wie du und ich, aber ihre Position grenzt sie von uns ab.

ZEIT ONLINE: Was lernt man über die Königin, wenn man frühere mit heutigen Bildern vergleicht?

Moorhouse: Mit seinem Krönungsfoto kurz nach der Thronbesteigung am 6. Februar 1952 zitierte Cecil Beaton die Traditionen königlicher Porträtmalerei: Er zeigt sie in formellem, prächtigem Rahmen. Sie trägt die Imperial State Crown und hält Reichsapfel und Zepter in den Händen. Im gleichen Jahr entstand auch Porträt der Fotografin Dorothy Wilding. Es hat etwas Formelles, gleichzeitig sprechen aus ihm aber auch Jugendlichkeit, Frische und Glamour. Für eine Nation, die noch an alte – meist männliche – Monarchen gewöhnt war, waren das ganz neue Aspekte.

"Einige Künstler jagen wie die Medien den informellen Momenten nach"

ZEIT ONLINE: Woher kam der Anstoß zu dieser Veränderung? Lag es daran, dass das Publikum sich verändert hatte? Früher wurden Monarchenporträts ja vor allem für die Botschafter am Hofe geschaffen und weniger für das einfache Volk. Oder kam die Initiative aus dem Königshaus?

Moorhouse: Ein Porträt der Queen ist wie eine Linse, durch die man auf die sozialen und kulturellen Veränderungen der letzten Jahrzehnte blickt. Während des 20. Jahrhunderts wurde die Gesellschaft zunehmend ungezwungen und die Porträtmalerei spiegelt das wieder. Gleichzeitig gewannen die Gegenwartskünstler an Einfluss. Und die Massenmedien. Das erste Foto, das die Nation von ihrer neuen Königin sah, zeigt sie in schwarzer Trauerkleidung auf dem Rollfeld des Londoner Flughafens. Damals hatte sie noch Kontrolle über die Motive der Fotografen.

ZEIT ONLINE: Die Medien haben also auch zur Entwicklung der Bildsprache beigetragen?

Moorhouse: Die Bilder wurden spontaner. Queen Elizabeth wurde zum Beispiel beim Verlassen eines Theaters abgelichtet. Wenige Jahre später legte sie das Image der jugendlichen 25-jährigen Königin dann selbst ab. Cecil Beaton fotografierte sie erneut, doch nicht als Monarchin, sondern als Mutter. Sie wollte der Welt sagen: Seht her, ich bin die Königin, aber ich bin auch Mutter und habe eine Familie. Ich bin wie Ihr. Das war notwendig, denn in den sechziger Jahren hatte sich das abgehobene Image überholt.

ZEIT ONLINE: Woran machen Sie das fest?

Moorhouse: Ein Ereignis trug nach meiner Meinung entscheidend zu diesem Imagewandel bei: Das Aberfan-Unglück im Jahr 1966. In dem walisischen Bergarbeiterdorf starben 144 Menschen, 16 von ihnen Kinder, als eine Abraumhalde des Bergwerks abrutschte und Häuser und Schulen unter sich begrub. Die Queen zögerte neun Tage, bis sie die Gegend besuchte und wurde für ihre Wirklichkeitsferne kritisiert. Gerhard Richter brachte es in seinem Bild Elizabeth I (1966) einer unscharfen Queen auf den Punkt. Als Folge des Unglücks war die Königin gezwungen, jeden königlichen Prunk abzustoßen. 1969 zeigte sie sich mit ihrer Familie in einem Dokumentarfilm. Ein Blick hinter die Kulissen des Palastes. Es war der Beginn eines eigentlich unmöglichen Balanceaktes.

ZEIT ONLINE: Sind die emotionalen Momente für die Künstler nicht die interessantesten?

Moorhouse: Einige Künstler jagen wie die Medien den informellen Momenten nach. Manche wählen das andere Extrem. Hiroshi Sugimoto etwa beschränkte sich auf die äußere Erscheinung der Queen, aber nutzte dafür ein Model von Madame Tussaud. Sein Porträt basiert auf einem Wachsmodel, das eine lebende Person darstellt. Dem deutschen Fotograf Thomas Struth gelang es im vergangenen Jahr sehr gut, in einem Foto die alte Dame und die Führungsperson zu zeigen.

ZEIT ONLINE: Warum ist es so schwierig, beide Seiten einzufangen?

Moorhouse: Es ist paradox: Die Queen ist die am häufigsten porträtierte Person der Geschichte – aber was wissen wir über sie? Manchmal erhascht man einen Blick auf ihr wahres Wesen, wie in dem Pressebild von 1992. Sie betrachtet den Schaden, den das Feuer im Schloss Windsor angerichtet hat, und man erkennt das Entsetzen in ihrem Gesicht. Sonst weiß nur ihre Familie, was sie denkt. Einige Künstler wie Andy Warhol machten diesen Widerspruch zum Thema ihrer Bilder. Seine Siebdrucke der Queen von 1985 basieren auf einem Photo von Peter Grugeon, das Warhol abstrahiert und mit bunten Formen überdeckt hat. So zeigt er gleichzeitig die Frau und deren Rolle. Der Sprecher der House of Commons hat neulich gesagt, die Queen sei wie ein Kaleidoskop. Da ist etwas dran.