ZEIT ONLINE: Woher kam der Anstoß zu dieser Veränderung? Lag es daran, dass das Publikum sich verändert hatte? Früher wurden Monarchenporträts ja vor allem für die Botschafter am Hofe geschaffen und weniger für das einfache Volk. Oder kam die Initiative aus dem Königshaus?

Moorhouse: Ein Porträt der Queen ist wie eine Linse, durch die man auf die sozialen und kulturellen Veränderungen der letzten Jahrzehnte blickt. Während des 20. Jahrhunderts wurde die Gesellschaft zunehmend ungezwungen und die Porträtmalerei spiegelt das wieder. Gleichzeitig gewannen die Gegenwartskünstler an Einfluss. Und die Massenmedien. Das erste Foto, das die Nation von ihrer neuen Königin sah, zeigt sie in schwarzer Trauerkleidung auf dem Rollfeld des Londoner Flughafens. Damals hatte sie noch Kontrolle über die Motive der Fotografen.

ZEIT ONLINE: Die Medien haben also auch zur Entwicklung der Bildsprache beigetragen?

Moorhouse: Die Bilder wurden spontaner. Queen Elizabeth wurde zum Beispiel beim Verlassen eines Theaters abgelichtet. Wenige Jahre später legte sie das Image der jugendlichen 25-jährigen Königin dann selbst ab. Cecil Beaton fotografierte sie erneut, doch nicht als Monarchin, sondern als Mutter. Sie wollte der Welt sagen: Seht her, ich bin die Königin, aber ich bin auch Mutter und habe eine Familie. Ich bin wie Ihr. Das war notwendig, denn in den sechziger Jahren hatte sich das abgehobene Image überholt.

ZEIT ONLINE: Woran machen Sie das fest?

Moorhouse: Ein Ereignis trug nach meiner Meinung entscheidend zu diesem Imagewandel bei: Das Aberfan-Unglück im Jahr 1966. In dem walisischen Bergarbeiterdorf starben 144 Menschen, 16 von ihnen Kinder, als eine Abraumhalde des Bergwerks abrutschte und Häuser und Schulen unter sich begrub. Die Queen zögerte neun Tage, bis sie die Gegend besuchte und wurde für ihre Wirklichkeitsferne kritisiert. Gerhard Richter brachte es in seinem Bild Elizabeth I (1966) einer unscharfen Queen auf den Punkt. Als Folge des Unglücks war die Königin gezwungen, jeden königlichen Prunk abzustoßen. 1969 zeigte sie sich mit ihrer Familie in einem Dokumentarfilm. Ein Blick hinter die Kulissen des Palastes. Es war der Beginn eines eigentlich unmöglichen Balanceaktes.

ZEIT ONLINE: Sind die emotionalen Momente für die Künstler nicht die interessantesten?

Moorhouse: Einige Künstler jagen wie die Medien den informellen Momenten nach. Manche wählen das andere Extrem. Hiroshi Sugimoto etwa beschränkte sich auf die äußere Erscheinung der Queen, aber nutzte dafür ein Model von Madame Tussaud. Sein Porträt basiert auf einem Wachsmodel, das eine lebende Person darstellt. Dem deutschen Fotograf Thomas Struth gelang es im vergangenen Jahr sehr gut, in einem Foto die alte Dame und die Führungsperson zu zeigen.

ZEIT ONLINE: Warum ist es so schwierig, beide Seiten einzufangen?

Moorhouse: Es ist paradox: Die Queen ist die am häufigsten porträtierte Person der Geschichte – aber was wissen wir über sie? Manchmal erhascht man einen Blick auf ihr wahres Wesen, wie in dem Pressebild von 1992. Sie betrachtet den Schaden, den das Feuer im Schloss Windsor angerichtet hat, und man erkennt das Entsetzen in ihrem Gesicht. Sonst weiß nur ihre Familie, was sie denkt. Einige Künstler wie Andy Warhol machten diesen Widerspruch zum Thema ihrer Bilder. Seine Siebdrucke der Queen von 1985 basieren auf einem Photo von Peter Grugeon, das Warhol abstrahiert und mit bunten Formen überdeckt hat. So zeigt er gleichzeitig die Frau und deren Rolle. Der Sprecher der House of Commons hat neulich gesagt, die Queen sei wie ein Kaleidoskop. Da ist etwas dran.