Böser Shylock, guter Nathan?

Vor einem Jahr erhielt Liliane Weissberg in ihrer Heimat Philadelphia einen Anruf. Das Jüdische Museum in Frankfurt fragte sie als Kuratorin an für eine Ausstellung über Juden und Geld. "Wieso das 'Und'?" fragte die in Frankfurt aufgewachsene Literaturprofessorin. Genau dieses hinzugedachte 'Und', die selbstverständliche Verknüpfung von Juden und Geld, thematisiert die von der Deutschen Bank maßgeblich unterstützte Ausstellung, die jetzt Juden. Geld. Eine Vorstellung heißt.

"Dass der Jude reich sei, ist eine Vorstellung, die noch heute vielen selbstverständlich scheint", schreibt Weissberg im Katalog zur Ausstellung. Anhand historischer Objekte und erklärender Tafeln werden dem Besucher die Ursprünge dieser Vorstellung in Deutschland und Österreich erklärt. Die Schau setzt im frühen Mittelalter ein und reicht bis in die Gegenwart.

Die Ausstellung steht im Spannungsfeld zwischen den Figuren des Shylock aus Shakespeares Stück Der Kaufmann von Venedig und dem Nathan aus Lessings Nathan der Weise. Shylock verlangt von seinem Schuldner Antonio, ein Pfund Fleisch aus ihm herausschneiden zu dürfen, falls er das geliehene Geld nicht zurückzahlen könne, während Nathan dem Sultan Saladin ein großes Darlehen schenkt. "Ist Shylock der böse Jude? Ist Nathan der gute Jude?" ist die Ausgangsfrage, die leitmotivisch wiederkehrt.

Im Gegensatz zur derzeit im Berliner Jüdischen Museum laufenden Schau Die ganze Wahrheit, die vor allem dadurch polarisiert, dass in assoziativer Anlehnung an den Jerusalemer Eichmann-Prozess  ein Jude in einem Glaskasten sitzend Fragen beantwortet, hat die Frankfurter Ausstellung eine wissenschaftlich-historische Herangehensweise. 

Die einzigen Geldverleiher

Sie erklärt, warum Juden im 12. Jahrhundert tatsächlich die einzigen Geldverleiher waren: Sie durften weder handwerkliche Berufe ausüben noch Boden besitzen. Zudem verbot das Christentum Gläubigen Geldverleih gegen Zinsen: "Wenn Du Geld verleihst an einen aus meinem Volk, an einen Armen neben Dir, so sollst Du an ihm nicht wie ein Wucherer handeln; du sollst keinerlei Zinsen von ihm nehmen" (Ex. 22, 24). Der Geldverleiher beging  der christlichen Vorstellung zufolge gleich drei von sieben Todsünden: Trägheit, Neid und Habgier. Die Mächtigen ließen sich dennoch Kredite besorgen.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg wurden einige Juden zu sogenannten Hoffaktoren, die Feudalherren Geld liehen, ihnen Luxusgüter wie Juwelen besorgten und Münzen prägten.

Mit derlei Geschäften zogen sie immer wieder den Hass der Bevölkerung auf sich. Joseph Süss Oppenheimer, der in den Diensten Carl Alexanders von Württemberg gestanden hatte, wurde 1738 hingerichtet und seine Leiche sechs Jahre lang öffentlich in einem eisernen Käfig zur Schau gestellt. Das zeigen Abbildungen des Stuttgarter Galgenberges.  

Erst mit der Emanzipation des Bürgertums und der Erfindung von Aktienbanken im 19. Jahrhundert drängten auch immer mehr Christen in den Handel mit Geld. Problematisch für sie blieb, dass seit der Spätantike Armut im Christentum auch positiv mit der Assoziation besetzt war, mittellos Gott näher zu sein, während Juden sich durch ihr mit "Zedaka" benanntem Verständnis von Wohltätigkeit dazu verpflichteten, andere an ihrem Wohlstand teilhaben zu lassen und so Armut zu verhindern.

Fassbinder und Mosebach sind ebenfalls zu finden

Im Abschnitt Kapitalismusdebatten erklärt die Ausstellung die wissenschaftliche Genese antisemitischer Vorstellungen. Werner Sombart formulierte in seinem 1911 erschienenen Buch Die Juden und das Wirtschaftsleben die These, Juden seien der Ursprung des Kapitalismus gewesen.

Die antisemitischen Vorstellungen münden im Abschnitt Vernichtung. In einer Vitrine liegt eine Goldmünze, die im Dritten Reich wahrscheinlich aus den Zähnen jüdischer Häftlinge hergestellt wurde.

Die Ausstellung endet in einem mit Epilog betitelten Raum und einem Hinweis auf Rainer Werner Fassbinders 1976 erschienenes Stück Der Müll, die Stadt und der Tod, in der ein namenloser Immobilienspekulant als Der reiche Jude bezeichnet wird. Auch Martin Mosebachs Buch Das Bett (1983) liegt in der Vitrine. Hauptfigur ist der deutsch-jüdische reiche Fabrikantensohn Stephan Korn. "Wir möchten mit der Ausstellung des Romans nicht sagen, dass Mosebach ein Antisemit ist, aber er bedient in seinem Roman Klischees," sagt die Kuratorin Weissberg.

 Der gegenwärtigen Vorstellung von Juden und Geld ist vergleichsweise wenig Platz eingeräumt ist. Das werde sich ändern, sagt Weissberg. Zehn Prozent der Ausstellungsstücke seien noch nicht an ihrem Platz. Man wolle noch ein Video der österreichischen Finanzministerin Maria Fekter zeigen, in welchem sie 2011 bei dem Europäischen Finanzministertreffen über die Finanzkrise in einer Weise spreche, die antisemitische Vorstellungen begünstige. Auch die Aussage Casimir Prinz zu Sayn-Wittgensteins im Zuge der CDU-Spendenaffäre im Jahr 2000, die illegalen schwarzen Kassen seien Vermächtnisse "deutschstämmiger jüdischer Emigranten", soll noch dokumentiert werden. 

Juden. Geld. Eine Vorstellung ist eine gut durchdachte Ausstellung mit einem hervorragenden Katalog. Ihr großes Verdienst ist, den Vorurteilen nicht mit realhistorischen Zahlen zu begegnen, sondern mit einem ausführlichen Gang durch die Geschichte, der aufzeigt, wie eine der zentralen antisemitischen Vorstellungen entstanden ist.

Die Ausstellung "Juden. Geld. Eine Vorstellung" ist noch bis zum 6. Oktober 2013 im Jüdischen Museum Frankfurt zu sehen. Der Katalog ist im Campus Verlag erschienen.