ZEIT ONLINE: Herr Zielony, Sie haben sich sowohl mit Dokumentarfotografie als auch mit künstlerischer Fotografie beschäftigt. Ist diese Unterscheidung eigentlich sinnvoll?

Tobias Zielony: In meiner Arbeit trennt sich das nicht so genau, aber die Unterscheidung macht schon Sinn. In Essen habe ich meine Studenten losgeschickt, um zu fotografieren, was im Ruhrgebiet gerade los war. Ich habe denen gesagt: "Ihr müsst Leute kennenlernen, die ihr vorher nicht kanntet." Einer war bei einem Nokia-Werk, das vor der Schließung stand, ein anderer hat in einer Waschstraße Leute fotografiert. Das habe ich schon eher in einer dokumentarischen Tradition gesehen, so wie ich das bei meinem Studium in Großbritannien gelernt habe.

ZEIT ONLINE: Wo ordnen Sie Ihre eigenen Foto-Arbeiten ein?

Zielony: 
Ich habe mich bewusst für den Kontext Kunst entschieden.

ZEIT ONLINE: Wo liegen denn die Grenzen der künstlerischen Fotografie zur Dokumentarfotografie? Ab wann ist ein Bild, das Sie ausstellen, Kunst?


Zielony: Ich glaube nicht, dass das unbedingt in dem Bild selber liegt.

ZEIT ONLINE: Sondern im Kontext?


Zielony: Ja, und ich glaube, dass die Grenzen fließend sind. Das Dokumentarische war von Anfang an auch eine Konstruktion. Die Dokumentarfotografie hat zwar so getan, als zeige Sie ein objektives Bild von der Wirklichkeit, sie war aber trotzdem immer eine Form von Zuschreibung, Inszenierung, Konstruktion, ein bewusst gewählter Ausschnitt. Oft war sie eingebaut in eine Rahmenhandlung wie: "Das sind die anderen, die Armen" oder "Denen müssen wir helfen" oder "Wir schauen auf die herab".

ZEIT ONLINE: Diese Grenze löst sich auf?

Zielony: 
Wenn ich über meine eigene Arbeit spreche, dann ist mein Argument, dass diese Trennung zwischen der realen Welt und dem Bild davon nicht aufrechterhalten werden kann. Weil der Alltag der Menschen durchdrungen ist von Bildern, die sie nutzen, um sich eigene Identitäten zusammenzubauen und Rollen einzunehmen. Und dann ergibt sich die Frage: Was mache ich als Fotograf, wenn es so eine reine, objektive Form der Fotografie nicht gibt oder nie gegeben hat? Wo gehe ich hin? Was für Bilder mache ich?

ZEIT ONLINE: Wie blicken Sie dann auf normale Nachrichtenfotos?


Zielony: Interessanterweise sind ja gerade die Bilder aus Konfliktgebieten in hohem Maße konstruiert. Oft wird versucht, mit einem Bild einen ganzen Konflikt zu erzählen: Im Hintergrund sieht man brennende Autos, vorne eine Frau mit Kopftuch, die um jemanden trauert. Solche Fotos sind in hohem Maße eine Fiktionalisierung dessen, was tatsächlich passiert. Die Fotos tragen auch eigene Codes, die wir entziffern. Wir gucken diese Bilder an und denken: "Aha, Konflikt, aha, Menschenrechtsprobleme."

ZEIT ONLINE: Was wäre daran falsch?

Zielony: 
Meine Kritik daran ist gar nicht so sehr, dass es konstruiert ist, sondern, dass es uns oft den Blick auf andere oder tiefer liegende Konflikte verstellt. Wir betrachten die Bilder als etwas Vertrautes, weil wir es gewohnt sind, sie so zu lesen.