Geheimniskrämerei um geraubte Kunst


Die Verwunderung bei der Claims Conference war groß. Seit dem Frühjahr 2011 weiß die Staatsanwaltschaft Augsburg von zahlreichen Bildern, die während des Nationalsozialismus unter unklaren Verhältnissen in die Hände des Sammlers Hildebrand Gurlitt gefallen waren – und niemand dachte daran, die deutsche Stelle der weltweit arbeitenden Dachorganisation von jüdischen Opferverbänden zu informieren. Nicht einmal nach mehr als zweieinhalb Jahren. Und auch nicht, nachdem der Focus über den Fund in München-Schwabing berichtet hatte.

Dementsprechend erbost ist man in der deutschen Zentrale der Claims Conference in Frankfurt. "Der Fall Gurlitt und der behördliche Umgang mit den aufgefundenen Kunstwerken scheinen symptomatisch für den Umgang mit NS-Raubkunst zu sein", sagt Rüdiger Mahlo, Vertreter der Organisation in Deutschland. "Die Tatsache, dass die Nachricht des Fundes aus dem Jahr 2011 erst heute an die Öffentlichkeit dringt, unterstreicht, dass mangelnde Transparenz eine häufige Begleiterscheinung der Restitution von Kunst- und Kulturgütern ist."

Dabei wusste die Bundesregierung seit Längerem über den Fund Bescheid. "Die Bundesregierung ist seit mehreren Monaten über den Fall unterrichtet", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin. Durch die Vermittlung von Experten, die sich mit "entarteter Kunst" und von den Nationalsozialisten geraubter Kunst auskennen, würden die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Augsburg unterstützt. Bei Lost Art, der staatlichen Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste in Magdeburg, ist niemand für eine Stellungnahme zu erreichen.

Nun stellt sich die Frage, wieso der Vorgang geheim gehalten wurde. Während deutsche Stellen längst über den Verbleib vieler Bilder Bescheid wussten, forschen gleichzeitig Erben enteigneter Sammler mit hohem finanziellen Aufwand danach. Und die Erfassung der Arbeiten kann Jahre dauern. Es gehe in vielen Fällen auch um Zeit, sagt Mahlo von der Claims Conference. "Damit Teile der aufgefundenen Kunstwerke zumindest noch an einige der ursprünglichen Eigentümer restituiert werden können, ist in Anbetracht ihres fortgeschrittenen Alters höchste Eile geboten."

"Es geht hier auch um eine politisch-moralische Frage"

Auch die Provenienzforscherin Monika Tatzkow, die an der weltweit ersten Rückgabe von Raubkunst nach der Washingtoner Erklärung beteiligt war, wundert sich über das Vorgehen der deutschen Behörden. "Es ist ein sonderbarer Vorgang, dass 200 Bilder in München gefunden wurden, die als Raubkunst bei Lost Art gelistet sind", sagt Tatzkow. "Die staatlichen Stellen hätten die Kunstwerke nennen müssen. Hinter jeder Suchanfrage stehen Menschen, die seit langem im Unklaren über den Verbleib sind."

Die Behörden könnten sich nicht darauf zurückziehen, dass es sich um ein laufendes Steuerverfahren handle, sagt die Kunstexpertin. "Es geht hier auch um eine politisch-moralische Frage. Mit dem Hinweis auf ein laufendes Verfahren kann der Fund nicht geheim gehalten werden."

Deutschland drückt sich um gesetzliche Lösung

Deutsche Stellen haben sich bei der Suche nach Raubkunst und Entschädigung jedoch nie hervorgetan. 1998 beschlossen 44 Regierungen im Rahmen des so genannten Washingtoner Abkommens, Museen, Kunstsammlungen, Bibliotheken und Archive nach Werken durchforschen zu lassen, die während der Nazi-Zeit beschlagnahmt worden waren.     

In Frankreich, den Niederlanden und Österreich setzten die Regierungen zentrale Sonderkommissionen ein. Ausgestattet mit Experten und vielen Millionen Euro vergaben sie Forschungsaufträge an externe Gutachter. Sowohl in den Niederlanden als auch in Österreich sind sämtliche Bestände seit Jahren gesichtet.

Und während Frankreich, die Niederlande, Österreich und die Schweiz unmittelbar nach Kriegsende Gesetze erließen, die alle Vermögensübertragungen zwischen 1933 und 1945 für unwirksam erklärten, gibt es in Deutschland solche Gesetze nicht.

Keine gesetzliche Verpflichtung für die Museen

Es gibt zwar eine Handreichung der Bundesregierung, gesetzlich sind die Museen jedoch nicht verpflichtet, Provenienzforschung zu betreiben oder entsprechende Arbeitsergebnisse vorzulegen. Bundesweite systematische und kontinuierliche Forschung findet nicht statt. Wenn an einzelnen Museen Forschung betrieben wird, dann ist das Entscheidung der Landesregierungen. Derzeit gibt es dabei derart wenige Stellen, dass es den Forschern nahezu unmöglich ist, zeitnah Eigentumsrechte zu klären.

So arbeitet beispielsweise in der Bayerischen Staatsgemäldesammlung eine einzige Provenienzforscherin daran, die Rechte für 2.000 Werke zu klären. Seit 2002 hat es dabei gerade einmal elf Restitutionen gegeben.

Im Fall der in München gefundenen Kunst wird die Rückgabe noch schwieriger. Die gesetzlichen Fristen sind längst abgelaufen. Restitution kann hier nur aus moralischen Gründen erfolgen. Oder der deutsche Staat schafft Gesetze, um das Unrecht einzugrenzen.

Anm. d. Red.: Wie der Leiter des Zollfandungsamts München, Siegfried Klöble, bei einer Pressekonferenz mitteilte, wurde die Wohnung Cornelius Gurlitts im vergangenen Jahr durchsucht und nicht bereits 2011.