Ein weiteres Fundstück, wieder ein spektakuläres Bild aus der Sammlung des Cornelius Gurlitt, das den Weg in den Kunsthandel gefunden hat, ohne dass sich die Beteiligten sonderlich an der Provenienz des Bildes störten: Frau mit Papagei in einer Landschaft ist eines der letzten Bilder, die August Macke im Jahr 1914 malte, bevor er im August in den Krieg zog – nur wenige Wochen später fiel er an der Front in Frankreich.

2007 machte das Gemälde sogar Schlagzeilen: Es erzielte am 30. November auf der 150. Versteigerung des Auktionshauses Villa Grisebach in Berlin knapp 2,4 Millionen Euro. Das ist der höchste Preis, der je für ein Werk dieses Künstlers auf einer deutschen Auktion gezahlt wurde. Die Herkunft des Gemäldes beschrieb Grisebach in seinem Katalog folgendermaßen: "Nachlaß des Künstlers / Gemäldegalerie, Dresden (1931 durch den Patronatsverein erworben, 1937 als 'entartet' beschlagnahmt) / Privatsammlung, Süddeutschland (1940 erworben, seitdem in Privatbesitz)."

Nur dass es sich bei diesem "Privatbesitz" um den Nachlass des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitts handelte. Genauer: Um die an seinen Sohn Cornelius vererbte Sammlung, die mutmaßlich auch Raubkunst enthält und viele Stücke, die Vater Gurlitt 1940 von den Nazis aus der Ausstellung "Entartete Kunst" zum Weiterverkauf erwerben durfte. Wohlgemerkt: Der 2007 verkaufte Macke ist keine Raubkunst. Er stammt aus öffentlichem Besitz. Vor etwa zwei Wochen berichteten Medien bereits, dass der Macke womöglich aus der Gurlitt-Sammlung stammen könnte. Grisebach bestreitet jedoch, dass Cornelius Gurlitt das Bild eingeliefert hatte.

Diese Aussage war formell wahrscheinlich sogar richtig. Denn Gurlitt selbst trat wohl fast nie als Einlieferer in Erscheinung. Er schickte vermutlich Familienangehörige, möglicherweise sogar Mittelsmänner, was eine künftige Rekonstruktion jener Wege, die Bilder aus Gurlitts Sammlung nahmen, sehr schwierig machen würde. Zur Einlieferung erklärte Micaela Kapitzky, die geschäftsführende Gesellschafterin des Auktionshauses Grisebach, der ZEIT: "Das Gemälde August Mackes Frau mit Papagei in einer Landschaft wurde uns 2007 nicht von Cornelius Gurlitt eingeliefert, aber wir können nicht ausschließen, daß es uns aus dem Umkreis der Familie eingeliefert wurde. Erst im Zuge der Veröffentlichungen über Cornelius Gurlitt im November 2013  konnten wir das Gemälde Frau mit Papagei in einer Landschaft als jenes unter der Nr. 2004/I verzeichnete Bild Woman in the Zoo von Macke identifizieren, das auf der jetzt bekannt gewordenen Liste aufgeführt ist, die die Werke benennt, die die Amerikaner Hildebrand Gurlitt 1950 zurückgaben."

Hildebrand Gurlitts Name wird allerdings 2008 in dem von Ursula Heiderich veröffentlichten Werkverzeichnis der Macke-Gemälde als Provenienz für die Frau mit Papagei genannt. Zum Zeitpunkt der Auktion war dieses Werkverzeichnis noch nicht erschienen. Aus dem Katalog geht jedoch hervor, dass Grisebach zuvor mit der Expertin Kontakt aufgenommen hatte: Das Werk werde in das neue Werkverzeichnis aufgenommen, hieß es dort. 

Mittlerweile stellt sich auch an andere Auktionshäuser und Kunsthändler die dringende Frage, ob in den vergangenen Jahrzehnten Werke aus der ehemaligen Sammlung Hildebrand Gurlitts versteigert wurden. Das Berliner Auktionshaus hält es für möglich, dass es in der Vergangenheit Werke auch mit Provenienz der drei anderen berühmt-berüchtigten Kunsthändler versteigert hat, die seinerzeit mit der Verwertung der "entarteten Kunst" beauftragt waren: "Natürlich können wir nicht ausschließen, dass wir in den vergangenen 27 Jahren unserer Auktionstätigkeit weitere Werke aus der Provenienz Dr. Hildebrand Gurlitt angeboten haben. Das gilt genauso für Arbeiten mit der Provenienz Bernhard A. Boehmer, Karl Buchholz und Ferdinand Möller."