Klaus Mann hat in seinem Roman Mephisto den deutschen Kulturschaffenden der zwanziger Jahre beschrieben, der sich nach 1933 mit den neuen Herren arrangiert. Sein Henrik Höfgen war dem Schauspieler Gustaf Gründgens nachempfunden. Der Kunsthistoriker Hildebrand Gurlitt, der nun durch den spektakulären Raubkunst-Fund in München posthum wieder ins Rampenlicht gerät, war wohl eine ähnlich ambivalente Figur.

Gurlitt übernahm 1925 mit gerade mal 30 Jahren den Aufbau der Kunstsammlung für das damals junge König-Albert-Museum und machte es zu einem Fokus der modernen Malerei. Gurlitt beauftragte das Dessauer Bauhaus, seinerseits eine hochmoderne Institution, mit der Neugestaltung des Zwickauer Museums. Als es im Oktober 1926 wiedereröffnet wurde, fand es deutschlandweit Beachtung.

Noch im selben Jahr zeigte er Bilder von Max Pechstein, nach dem das Museum seit Kurzem benannt ist. Im Jahr darauf kuratierte er eine Schau mit Gemälden von Käthe Kollwitz und eine über "Das junge Dresden", 1927 folgten Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff, 1928 Emil Nolde. Briefwechsel belegen, dass er persönlichen Kontakt zu den Künstlern hielt.

Doch die Unterstützung aus Feuilletons und Fachwelt nutzte ihm nichts, als die Kämpfer wider die Moderne Oberwasser gewannen. Die Presse in Sachsen äußerte schon seit 1926 Unverständnis darüber, dass die Stadt trotz ihrer finanziell angespannten Lage Geld für Bilder ausgab, mit denen das Volksempfinden wenig anfangen konnte.

Gurlitts Fachwissen gefragt

Am 1. April 1930 wurde Gurlitt entlassen. Für drei Jahre amtierte er als Direktor des Kunstvereins in Hamburg, dann verlor er auch diese Stellung. Die Nationalsozialisten hatten die Macht übernommen, die moderne Kunst hatte verloren. Zudem hatte Gurlitt eine jüdische Großmutter und galt nach den Rassenvorstellungen der Nazis als "jüdischer Mischling zweiten Grades".

Dennoch nahmen die Nationalsozialisten offenbar gerne Gurlitts Fachwissen in Anspruch. Der nunmehr selbstständige Kunsthändler in Hamburg half, die als "entartet" beschlagnahmten Werke aus deutschen Museen und privaten Sammlungen zu Geld zu machen. Als offizieller Verwerter durfte er sie – gegen Provision – an Sammler im Ausland, aber auch innerhalb des Deutschen Reiches verkaufen.

Das Zwickauer Museum bescheinigt seinem früheren Leiter im Rückblick, mit ihm habe "eine erstaunliche und weitsichtige Arbeit für die modernen Künste" eingesetzt. Doch irgendwann nach Gurlitts Hinauswurf verschwammen wohl die Konturen zwischen Idealismus und Merkantilismus.