Von dem Spitzweg hatte sie keine Ahnung, sagt Irene Lawford-Hinrichsen. Sie ist die Enkelin des Leipziger Verlegers Henri Hinrichsen, Eigentümer des weltberühmten Musikverlags C. F. Peters, Wohltäter und Stifter der Stadt. Seine Nachfahren bemühen sich seit fast 70 Jahren um das Vermögen ihres Vaters und Großvaters. Aber die Zeichnung des Malers Carl Spitzweg war in den Unmengen von Dokumenten, die sich angehäuft hatten, als "unauffindbar" verzeichnet. Bis sie in der Gurlitt-Sammlung auftauchte.

Nun liegt ein Foto auf dem Sofatisch in Irenes Häuschen in einem Londoner Vorort. Darauf die kleine, fast unscheinbare Bleistiftzeichnung von 1840, in ihrem Goldrähmchen, 16 mal 13 cm groß. Sie befand sich unter den ersten Kunstfunden aus der Wohnung von Cornelius Gurlitt, die veröffentlicht wurden. Auf der Rückseite sind säuberlich die Eigentumsverhältnisse vermerkt. "Spitzweg. Aus der Sammlung Geheimrat Hinrichsen, Leipzig". Hat es der Besitzer geschrieben oder der Käufer, Hildebrand Gurlitt? 

Auch in Gurlitts Geschäftsbüchern ist das Werk vermerkt: "7. 1. 1940. Spitzweg, Musik-Paar. Zeichnung, Geh.R.Hinrichsen, 300 Mark". Darüber ist ein Gemälde von Moritz von Schwind eingetragen und eines von Camille Pissaro, das Gurlitt damals für 4.000 Mark von Hinrichsen kaufte und eine Woche später für 8.000 Mark weiterreichte. Es waren die Werke, die der Jude Henri Hinrichsen bis zuletzt festhalten konnte, nachdem alles andere längst konfisziert und "arisiert" war.

Die zarte Zeichnung Carl Spitzwegs "Das Klavierspiel" gehörte einst dem Großvater, bevor sie die Nazis raubten und sie vor Kurzem in der Wohnung von Cornelius Gurlitt wieder auftauchte. © Lost Art Datenbank

Drei Wochen später, am 27. Januar 1940, konnten Henri Hinrichsen und seine Frau Martha Deutschland mit einem Köfferchen verlassen. Gerettet hat es sie nicht. Martha starb im deutsch besetzten Brüssel, weil man der Jüdin das Insulin verweigerte. Henri wurde am 17. September 1942 in einer Gaskammer in Auschwitz ermordet. Er war 74. Fünf seiner Kinder, Schwiegerkinder und Enkel kamen in Todeslagern ums Leben. 

"Eine reizende Zeichnung", nennt Irene Lawford-Hinrichsen das Spitzweg-Werk. Sie war die letzte der großen Familie, die 1935 noch in Leipzig geboren wurde. Neben dem Foto der Zeichnung liegt die Chronik, die Henri Hinrichsen 1933 schrieb, als seine Welt noch in Ordnung zu sein schien. Das maschinengetippte Buch im braunen Deckel mit goldgeprägtem Titel ist nun die letzte Verbindung zwischen Irene und dem Großvater, zwischen ihrem Londoner Häuschen und dem Spitzweg, der in irgendeinem Depot der Augsburger Staatsanwaltschaft liegt. Hinrichsen gab die Chronik seinem ältesten Sohn Max, Irenes Vater, als er 1937 nach England auswanderte, wo er den englischen Zweig von C. F. Peters gründete. Walter, der zweitälteste, war 1936 in die USA ausgewandert, wo er die amerikanische Dependance aufbaute.

Die Spitzweg-Zeichnung wird im Kapitel 7 der Chronik erwähnt: "Meine besondere Vorliebe galt von jeher der Malerei, und im besonderen sind es fast ausschließlich deutsche Meister, deren Werke die Zierde meiner Wohnräume sind. Besonders ein entzückender Spitzweg erfreut mich immer wieder von Neuem", schrieb Henri Hinrichsen. 

Irene vermutet, dass auch Cornelius Gurlitt seine Freude an dem Spitzweg hatte. "Gurlitt liebt ihn, weil seine Mutter ihn im Flur hängen hatte und er will, dass er dort wieder hängt." Sie hat aber auch Verständnis für den einsamen Kunstliebhaber. "Es ist sein Erbe. Er war ein Kind, als sein Vater diese Bilder zusammenkaufte. Er hat nur auf die Bilder aufgepasst, die er geerbt hat." Aber wessen Erbe ist es denn eigentlich?  

Irene Lawford-Hinrichsen und ihre Cousine Martha Hinrichsen wollen nun um die Zeichnung kämpfen. Sie wissen, dass es schwierig werden wird. "Dieser Prozess könnte sehr, sehr lange dauern, obwohl das Blatt als einstiges Eigentum unseres Großvaters identifiziert ist", mailt Martha aus Amerika. "Offenbar haben Gerichte in früheren Jahren entschieden, dass Hunderte Werke aus Gurlitts damaliger Sammlung ihm gehören, egal, wie er in ihren Besitz kam." 

Irene, die Erbin der Chronik, die zwei große Bücher über C. F. Peters und eine Chronik der Hinrichsen-Geschichte mit dem Titel 500 Years to Auschwitz schrieb, ist mehr am Großvater als an seiner Hinterlassenschaft interessiert. Gleich beim ersten Leipzig-Besuch nach der Wende sah sie sich im Museum Bilder aus dem konfiszierten Familienbesitz an. Sie war neugierig, was ihrem Großvater gefallen hatte: "Es waren zarte, vornehme Bilder, Landschaften, Porträts, nichts Aggressives."

Als sie ihren Verwandten von diesen Bildern erzählte, begannen die, ihr Erbe einzuklagen. Irene war verärgert. Sie hätte einige vielleicht der Stadt Leipzig überlassen – aber sie hat bis heute kein Mitspracherecht. Ihr Erbteil wurde von ihrer Stiefmutter auf die Hinrichsen Foundation, eine Musikstiftung, übertragen. Zusammen mit Martha und ihrem Bruder Henry besitzt die Stiftung die international operierende Edition Peters Group.        

Irene Lawford-Hinrichsen streitet also für ein Erbe, auf das sie selbst gar kein Anrecht mehr hat, das ihr aber viel bedeutet. Die Gemälde, die Zeichnungen, die Firma C. F. Peters, die bedeutende Musikautografen-Sammlung, der Wagnerbrief, den Hitler erbeutete: "Alles gehörte meinem Großvater. Es war seine Sache, zu entscheiden, was damit zu geschehen habe, und dieses Recht hat man ihm geraubt", sagt sie. Irene Lawford-Hinrichsen fordert die Werke ihres Großvaters vor allem aus einem Grund zurück: Die Raubkunstfälle müssten aufgearbeitet werden. "Es ist die Aufgabe Deutschlands, Gerechtigkeit herzustellen."