ZEIT ONLINE: Der spektakuläre Kunstfund in München soll viele Werke von Sammlern enthalten, die während der NS-Zeit enteignet wurden. Wenn ich nun Erbe eines vermissten Gemäldes bin, welche Rechte habe ich?

Claudia von Selle: Zunächst kommt es darauf an, seit wann Sie das Stück vermissen. Seit zehn Jahren? Oder seit dem Zweiten Weltkrieg? Wenn es nämlich, wie im Münchner Fall, seit mehr als 30 Jahren verschwunden ist, wird es rechtlich schwierig. Dann ist der Fall in der Regel verjährt.

ZEIT ONLINE: Aber das gilt dann ja für sämtliche Ansprüche aus der Zeit des Nationalsozialismus.

von Selle: Diese Frist ist nicht so klar, wie sie klingt. Wenn sich das Kunstwerk beispielsweise in der DDR befand, war es faktisch gar nicht möglich, Ihre Ansprüche geltend zu machen. Ist eine Rechtsverfolgung tatsächlich nicht möglich, könnte man in einem solchen Fall den Beginn der Verjährungsfrist auch auf den Zeitpunkt des Mauerfalls legen. Und schließlich kommt es darauf an, wo das Gemälde auftaucht. Wenn es – wie im aktuellen Fall – Teil einer Privatsammlung ist, wird die Forderung nach einer Herausgabe besonders schwierig.

ZEIT ONLINE: Hat sich Deutschland nicht zur Rückgabe von Werken aus Zwangsenteignungen verpflichtet?

von Selle: Deutschland und 43 weitere Staaten haben 1998 die sogenannte Washingtoner Erklärung unterzeichnet. Darin verpflichten sie sich, die während der Zeit des Nationalsozialismus beschlagnahmten Kunstwerke zu identifizieren, deren Vorkriegseigentümer oder Erben ausfindig zu machen und eine gerechte und faire Lösung zu finden. Diese Selbstverpflichtung ist rechtlich zwar nicht bindend, aber die Bundesregierung hat ihren Institutionen konkrete Anleitungen gegeben. In den Fällen, in denen sich die Gemälde jetzt in staatlicher Hand befinden, in Museen oder öffentlichen Sammlungen, läuft es in aller Regel auf eine Rückgabe hinaus.

ZEIT ONLINE: Was kann ich tun, wenn mein vermisstes Gemälde in einer privaten Sammlung gelandet ist?

von Selle: Ich würde auf alle Fälle Ansprüche zunächst außergerichtlich geltend machen. Gerade bei Kunst aus dem Besitz jüdischer Sammler – im Münchner Fall soll es ja hauptsächlich um "entartete Kunst" gehen – können neben verfahrensrechtlichen Aspekten wie der Verjährung vor allem auch übergeordnete Rechtsprinzipien die Bewertung eines Falles beeinflussen.

ZEIT ONLINE: Hier wirkt allein der moralische Druck?

von Selle: Es gibt schon auch einen ökonomischen Aspekt. Denn der moralische Defekt eines Gemäldes beeinflusst auch unmittelbar dessen Wert. Daher haben die heutigen Besitzer – ob Museum oder Privatsammler –  ein unmittelbares Interesse daran, dass die Provenienz des Kunstwerks eindeutig geklärt wird.

ZEIT ONLINE: Wie gehen Sie als Anwältin in einem solchen Fall vor?

von Selle: Ich bevorzuge immer, der Gegenseite zunächst die Chance zu geben, die Sache selbst aufzuklären. Dafür ist absolute Offenheit notwendig. In der Regel findet man dann eine vertrauliche Lösung. Erst falls geblockt wird, gehe ich an die Öffentlichkeit. Man muss verstehen, dass die Klärung der Angelegenheit für beide betroffenen Seiten, also sowohl für die Familie, die das Gemälde vermisst, als auch für die Familie, in deren Besitz es sich heute befindet, ein therapeutischer Prozess ist. Es kommt dabei zu der ganzen Palette von Reaktionen: von Verständnis bis völliges Leugnen. Meiner Erfahrung nach ist es immer eine Frage der sozialen Kompetenz der Verantwortlichen. Wenn sich die Betroffenen jedoch gleich an den Pranger gestellt fühlen, wird eine einvernehmliche Lösung schwieriger.