Überraschungen zuhauf in diesen Tagen, der Kunstbetrieb erfuhr von einem vor Längerem geborgenen Schatz, die Augsburger Staatsanwaltschaft musste sich mit dem Gedanken anfreunden, dass ein vermeintlich gut gehütetes Geheimnis sich unvermutet gelüftet hat.

Ein alter Mann, der Sohn des in Naziauftrag agierenden Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, hortete 121 gerahmte und 1.285 ungerahmte Kunstwerke aus dem Nachlass seines Vaters. Lange Vorermittlungen hatten zu dem Anfangsverdacht der Unterschlagung und der Steuerhinterziehung geführt und schließlich zu einem gerichtlichen Beschluss zur Durchsuchung einer Münchner Wohnung.

Die schiere Anzahl der Arbeiten entfesselte allerorten die Fantasie und mündete in eine Art Kollektivirrtum, dass es sich hierbei um einen Gesamtwert von einer Milliarde Euro handele. Ein monströser Betrag, der niemals zusammenkommen kann, da der weitaus größte Teil in einem Grafikschrank lagerte, was wiederum darauf schließen lässt, dass es Papierarbeiten waren, die feinsäuberlich aufbewahrt wurden, um – wie es aussieht – hin und wieder nach Bedarf das ein oder andere Blatt zu verkaufen oder versteigern zu lassen.

Anlässlich der gestrigen Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft war nicht zu erfahren, in welchem Stadium sich die Sichtung des Konvoluts befindet, also auch nicht, wie viele Gemälde oder druckgrafische Blätter, wie viele Zeichnungen oder Aquarelle versammelt sind. Ein hoher Schätzwert ergäbe sich auch hier nur, wenn es sich um qualitätvolle Arbeiten und Schlüsselwerke im Oeuvre des jeweiligen Künstlers handelt.

Ein sehr gutes Bild aus dem Gurlitt-Fundus, eine Gouache von Max Beckmann aus dem Jahr 1930, Der Löwenbändiger, wurde Ende 2011 bei Lempertz versteigert und ist zudem ein gutes Beispiel für das in einem renommierten Auktionshaus, egal ob in Deutschland oder im Ausland, übliche Prozedere.

Cornelius Gurlitt hat die Münchner Lempertz-Repräsentantin in die, wie er sagte, Wohnung seiner verstorbenen Mutter gebeten, ein erkennbar unbewohntes Apartment, in dem sich außer der schönen Beckmann-Arbeit, die dort offensichtlich schon lange hing, kein weiteres Kunstwerk befand. Dass in einer anderen Wohnung im selben Haus der umfangreiche Nachlass des Vaters gelagert war, sollte sich erst wenige Monate später herausstellen.

Hildebrand Gurlitt, Kunsthändler und Vater des jetzt beschuldigten Cornelius Gurlitt, auf einer Fotografie um 1925 © Fritz Alter sen. / Kunstsammlungen Zwickau

Die Experten des Auktionshauses prüften das Werk in gewohnter Routine. Man identifiziert die Arbeit anhand des einschlägigen Werkverzeichnisses. Der Einlieferer muss berechtigt sein, zu verkaufen, in diesem Fall als Erbe der Witwe von Hildebrand Gurlitt, und er sollte möglichst aufschlussreiche Angaben zur Biografie des Bildes machen können, das heißt idealerweise zur Erstellung einer lückenlosen Provenienz beitragen. Man konsultiert Lost Art, die offizielle deutsche Datenbank zur Dokumentation von Raub- und Beutekunst, man setzt sich gegebenenfalls mit den Nachlassverwaltungen oder -stiftungen in Verbindung und kümmert sich um eine Expertise des einschlägig anerkannten Sachverständigen. 

Im Fall des Löwenbändigers konnten, wie so oft, vor allem die Aufkleber und Notizen auf der Rückseite des Rahmens Aufschluss geben. Demnach war es offensichtlich über den Kunsthändler (und Beckmann-Galeristen) Alfred Flechtheim an den Kunsthändler Hildebrand Gurlitt gegangen. Nun musste geklärt werden, ob Ansprüche der Flechtheim-Erben gegeben waren. Obwohl sich der genaue Zeitpunkt des einstigen Eigentümerwechsels nicht exakt festlegen ließ, einigten sich die beiden Parteien – der Erbe Cornelius Gurlitt und die durch ihren Anwalt vertretenen Erben Flechtheims –  darauf, den Erlös für das für Beckmann so typische Zirkusmotiv zu teilen.

Moderator der Restitutionsverhandlungen war der Justitiar des Hauses Lempertz. Auch dieses Prozedere ist im Auktionshandel beinahe schon als Routine zu bezeichnen. Sämtliche in- und ausländischen Häuser sind immer wieder mit Kunstwerken konfrontiert, bei denen nicht einwandfrei geklärt ist, ob eine Restitution angezeigt wäre. Wer sich Aufwand und möglicherweise sogar Ärger ersparen will, lehnt die Einlieferung ab. Ein besonders gutes und wichtiges Bild wird man aber in gesicherte Verhältnisse überführen wollen. Mit dem gutem Willen aller Parteien gelingt das immer wieder. Der Löwenbändiger wurde schließlich mit einer Taxe von 300.000 Euro aufgerufen und einem ausländischen Bieter bei 720.000 Euro zugeschlagen.