Bei den Gemälden, die im März 2012 in der Schwabinger Wohnung von Cornelius Gurlitt beschlagnahmt wurden, könnte es sich nach ZEIT ONLINE-Informationen in mehreren Fällen um NS-Raubkunst handeln. Obwohl die Ermittlungsbehörden erst ein knappes Dutzend der gut 1.400 Kunstwerke öffentlich gemacht haben, finden sich bereits unter diesen Bildern brisante Fälle: Das Gemälde von Max Liebermann Reiter am Strand (1901) gehörte bis zu dessen Enteignung 1939 dem jüdischen Sammler David Friedmann in Breslau. Der Zuckerfabrikant starb 1942, seine Frau und seine Tochter wurden 1943 nach Auschwitz deportiert und kamen dort ums Leben. Zur Sammlung Friedmann gehörten auch Werke von Gustave Courbet, Camille Pissarro und Isaac Israels.

Obwohl das Gemälde bei Lost Art, der öffentlichen, von Bund und Ländern betriebenen Datenbank für Kulturgutverluste, seit Jahren als Suchmeldung eingetragen ist, wurden die dort angegebenen Vertreter der Erben Friedmanns von der Staatsanwaltschaft und den ermittelnden Zollbehörden bisher nicht über den Gemäldefund informiert. Die Süddeutsche Zeitung behauptet in ihrer Mittwoch-Ausgabe im Zusammenhang mit dem Liebermann-Gemälde, dass es nach Aussage der mit der Untersuchung des Münchner Bilderfundes beauftragten Provenienzforscherin Meike Hoffmann keine Hinweise auf eine Beschlagnahmung im Rahmen der Aktion "Entartete Kunst" oder "einen verfolgungsbedingten Verlust aus jüdischem Besitz" gebe. Genau das bestreiten die Anwälte der Friedmann-Erben. Meike Hoffmann reagierte bislang nicht auf die Anfragen von ZEIT ONLINE.

Das Liebermann-Gemälde taucht auch auf einer Liste von den Alliierten beschlagnahmter Kunstwerke auf, die 1950 an Hildebrand Gurlitt zurückgegeben wurden. Die Liste ist der Forschung bekannt und in den National Archives Washington einzusehen. Gurlitt hatte auf der Liste einzelne Bilder mit Kreuzen und Kreisen markiert und somit bezeugt, dass die Kunstwerke entweder aus seiner privaten Sammlung stammten oder sogar – etwa im Fall des Liebermann-Gemäldes – aus der vor 1933 zusammengetragenen Sammlung seines Vaters.


Eine Lüge, wie sich jetzt mit Blick auf einige dieser Bilder herausstellt. Auf der Liste, die ZEIT ONLINE hier zeigt, taucht auch Max Beckmanns Löwenbändiger auf. Die Gouache befand sich einst im Besitz des von den Nazis verfolgten Galeristen Alfred Flechtheim. Hildebrand Gurlitt behauptete dazu 1950 wahrheitswidrig: "Keines der Bilder stammt aus jüdischem Besitz." Die Alliierten glaubten ihm. Die Beckmann-Gouache hatte Cornelius Gurlitt Ende 2011 beim Kölner Auktionshaus Lempertz eingeliefert und nach einer Einigung mit den Erben Flechtheims für 864.000 Euro (mit Aufpreis des Auktionshauses) verkauft.

Beutekunst - Die Werke des Münchner Kunstfundes Bei dem Kunstfund sind auch bisher völlig unbekannte Meisterwerke entdeckt worden. Mehrere Bilder von Dix und Chagall waren bisher nicht in Werkverzeichnissen erfasst. Die Fotos der Werke haben wir zusammengestellt.

Immer drängender stellt sich nun die Frage, ob die Staatsanwaltschaft die Liste der von der Expertin Hoffmann bereits gesichteten Kunstwerke aus dem Münchner Fund weiterhin geheim halten darf. Womöglich finden sich darunter weitere Werke, die von Opfern des NS-Raubkunstzugs oder deren Erben seit Jahrzehnten gesucht werden.