Wenn die Bilder, stets nur für einige Sekunden, im kleinen und gedrängt vollen Augsburger Gerichtssaal 179 auf die Leinwand geworfen werden, so scheint Meike Hoffmann immer wieder zu staunen. "Das ist ein Courbet", sagt sie, Mädchen mit Ziege." Das Werk galt als verschollen. "Hier Max LiebermannReiter am Strand. Das Bild war beschlagnahmt worden." Oder Werke, die für die Berliner Kunsthistorikerin "echte Entdeckungen" sind, von denen niemand wusste, dass es sie überhaupt gibt: ein Selbstporträt von Otto Dix aus dem Jahr 1919 oder ein Bild von Henri Matisse von circa 1925, das eine sitzende Dame zeigt und sich nicht im Werkverzeichnis findet. 

Die Begeisterung ist Hoffmann von der Forschungsstelle "Entartete Kunst" der Berliner FU anzumerken. Seit mehr als einem Jahr beschäftigt sie sich mit den Werken der beschlagnahmten Sammlung des in München lebenden 80-jährigen Cornelius Gurlitt, Sohn eines Kunsthändlers in der NS-Zeit. "Das ist ein unglaubliches Glücksgefühl", sagt Hoffmann, "wenn ich sehe, dass es diese Bilder noch gibt." Sie hat den Auftrag, die Herkunftsgeschichte zu erforschen. Bei der Sammlung handelt es sich zum größten Teil um NS-Raubkunst. Ein Teil davon sei eindeutig als damalige "entartete Kunst" zu bestimmen, der andere Teil sei den Besitzern "verfolgungsbedingt und unter Zwang entzogen worden".

Zumindest einige Aspekte des Kunstgeheimnisses, über das seit Sonntag nach einem Focus-Bericht international gerätselt wird, sind mit der Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft Augsburg nun gelüftet. Es stimmte laut Behördenangaben zwar vieles, aber durchaus nicht alles, was das Magazin berichtet und viele andere Medien übernommen haben. So sind es keine 1.500, sondern 1.406 Werke, die in der abgedunkelten Schwabinger Wohnung konfisziert wurden. 121 gerahmte Bilder seien fachmännisch in einem Regal gestapelt gewesen, 1.285 ungerahmte in einem Schrank übereinandergelegt. "Der Zustand der Bilder ist sehr gut", sagt Meike Hoffmann. Sie hatten ein eigenes Zimmer in der 90-Quadratmeter-Wohnung. Und entdeckt wurde der Schatz nicht schon im Frühjahr 2011, sondern erst ein Jahr später.

Beutekunst - Die Werke des Münchner Kunstfundes Bei dem Kunstfund sind auch bisher völlig unbekannte Meisterwerke entdeckt worden. Mehrere Bilder von Dix und Chagall waren bisher nicht in Werkverzeichnissen erfasst. Die Fotos der Werke haben wir zusammengestellt.

Immer mal wieder soll Gurlitt ein Bild verkauft haben, offenbar um seinen Lebensunterhalt zu sichern. Es ist nicht bekannt, dass er je gearbeitet hätte, er erhält keine Rente und ist nicht in München, sondern in Salzburg gemeldet. Auch nach der Pressekonferenz in Augsburg, zu der 100 Journalisten gekommen sind, auch von der New York Times, der BBC und einer spanischen Zeitung, bleibt Gurlitt weitgehend ein Phantom. 

Die Veröffentlichung sei "kontraproduktiv"

Der Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz hält es für "relativ unwahrscheinlich", dass der Mann an einem unbekannten Ort noch ein weiteres Kunstlager hat. Allerdings wurde ein Haus, das ihm in Salzburg gehört, bisher nicht durchsucht. Nemetz' Angaben sind meist recht einsilbig. Wo hält sich Herr Gurlitt auf? "Wir wissen es selbst nicht." Besteht derzeit Kontakt zu ihm? "Nein." Jedenfalls sei er als Zeuge vernommen worden und war beim Abtransport der Sammlung anwesend. Einen Anwalt hat er nicht, scherzhaft wird gefragt: "Lebt der überhaupt noch?" Nemetz: "Ich kann dazu nichts sagen."

Dass ihm die Veröffentlichung durch den Focus überhaupt nicht passt, zeigt der Ermittler deutlich. "Das ist nicht gut für die Ermittlungen." Die Werke lagerten nicht, wie berichtet worden war, beim Zoll in Garching bei München, sondern an einem oder mehreren anderen unbekannten Orten. Nun, da die Existenz der Kunstwerke bekannt ist, seien sie "gefährdet", es sei jetzt "besondere Sicherheit" notwendig.

Der Ermittler findet die Veröffentlichung in jeder Hinsicht "kontraproduktiv", weil sie die Arbeit behindere. Offenkundig ist, dass die Staatsanwaltschaft als weisungsgebundene Institution vom bayerischen Justizministerium zu dieser Pressekonferenz gedrängt oder gezwungen wurde. Nach den Skandalen um den Psychiatrie-Insassen Gustl Mollath und die Presseplatzvergabe beim NSU-Prozess bemüht sich der neue Minister Winfried Bausback (CSU) um mehr Offenheit.  

Noch Monate, wenn nicht gar Jahre, muss die Herkunft der Bilder geklärt werden und zwar von jedem einzelnen. Die schwierigste Frage wird dann sein, was mit ihnen geschieht. "Wir haben nicht vor, sie zu behalten oder eine Ausstellung zu machen", sagt der Staatsanwalt. Ermittelt wird gegen Gurlitt wegen Steuerhinterziehung und Unterschlagung. Seit gestern schon melden sich in Augsburg Erben von NS-Enteigneten, die nach bestimmten Werken nachfragen. Die Erben des jüdischen Kunsthändlers Alfred Flechtheim etwa wollen die Kunstsammlung überprüfen lassen. Denn es gebe einen "begründeten Verdacht", dass Werke aus der Flechtheim-Sammlung darunter seien.

Rechtlich schätzt es Staatsanwalt Nemetz allerdings als schwierig ein, Bilder an vermeintliche Besitzer weiterzugeben. So könnte es sein, dass am Ende ein Großteil der Werke dem Mann zurückgegeben wird. Wenn er dann noch lebt. Und eine Lagerstätte dafür hat. Bisher jedenfalls hat er sich nicht gemeldet, dass er an einer Rückgabe überhaupt interessiert ist.