"Warum sollte ich das nicht schaffen?"

Wir treffen Lorna Simpson im goldenen Café des Museums Haus der Kunst. Lorna Simpson betritt diese Bühne in einem tief ausgeschnittenen Kleid aus schwarzem Seidenkrepp, an den nackten Füßen High Heels, die den Spann mit knallroten Fellstreifen umfassen. Design von Maria Cornejo, einer Chilenin, die auch die Füße von Michelle Obama und Tilda Swinton kleidet.

ZEIT ONLINE: Wie sind Sie, ein Mädchen aus Queens, New York, eine große Künstlerin geworden?

Lorna Simpson: Meine Eltern liebten Musik, besonders Jazz, sie besuchten Konzerte und gingen ins Theater und ins Ballett und in die Oper und nahmen mich mit. Ich bin ihr einziges Kind, es war nicht nur so, dass sie ihr kulturelles Leben mit mir teilen wollten, es war einfach Teil von ihrem Leben und deshalb war ich dabei. Vom frühsten Alter an. Sogar in Theaterstücken, die ich noch gar nicht verstehen konnte – ich meine, ich war ja kein Genie. Aber diese Dinge dringen in einen ein, auch wenn man sie noch nicht versteht, man beginnt, über die Welt, und wie sie ist, nachzudenken. Einmal ging ich mit meiner Großmutter zu einem Musical, ich sah, wie ihre Finger zur Musik schnippten, und dachte: "Oh. So also schnippt man die Finger zur Musik!"

ZEIT ONLINE: Reden wir von einer schwarzen Kulturszene?

Simpson: Wir sahen auch Rudolf Nurejew im Lincoln Center. Aber wir waren auch bei einer der ersten Produktionen von Hair, ich erinnere mich daran, dass ich mir die Augen zuhielt, als die Schauspieler nackt auf die Bühne kamen. Ich konnte es nicht glauben, dass meine Eltern mich zu so etwas geschleppt hatten!

ZEIT ONLINE: Wann war klar, dass Sie für sich entschieden hatten, Künstlerin zu werden?

Simpson: Als es Zeit war, sich für eine weiterführende Schule zu entscheiden, habe ich Kunst gewählt. Und meine Eltern haben mich darin unterstützt.

ZEIT ONLINE: War ihnen denn klar, dass Sie tatsächlich den Beruf Künstlerin ausüben wollten?

Simpson: Ja, ich glaube, dass sie das zu dem Zeitpunkt, als ich zum College ging, verstanden. Aber sie schlugen auch vor, dass ich vielleicht einen Abschluss als Lehrerin machen sollte, um eine Rückfallposition zu haben. Und sie lebten glücklicherweise lange genug, um meinen Erfolg zu sehen, wenn man denn Erfolg als institutionellen Erfolg verstehen will im Sinne von: Ausstellungen, Besprechungen etc.

ZEIT ONLINE: Wen hatten Sie als Vorbild, mit wem konnte sich damals ein schwarzes Mädchen aus Queens identifizieren?

Simpson: Ich glaube, in den Zusammenhängen, in denen ich aufwuchs, müsste man die Frage so stellen: Wie konnten Eltern es schaffen, ihrem Kind Möglichkeiten zu eröffnen. Es gab zum Beispiel eine Reihe von sehr starken Frauen in unserem Freundeskreis. Eine Freundin meiner Mutter war die Direktorin der Gefängnisse von New York…

"Etwas als Frauenthema zu bezeichnen, ist immer problematisch"

ZEIT ONLINE: Tougher Job!

Simpson: Aber auch: toughe Frau! Es wurde mir sehr deutlich gemacht, womit sie ihr Geld verdiente. Es gab eine andere Frau, deren Vater Botschafter in Uganda war. Ich habe einen Verwandten in Jamaica, der als Botschafter nach London ging. Es gab also Familienmitglieder und Freunde, die wichtige berufliche Laufbahnen einschlugen, und man legte Wert darauf, dass ich das verstand. Es war nicht so, dass sie irgendwas mit Kunst zu tun hatten – aber da war dieses Gefühle von Selbstbewusstsein, das Gefühl von: Die Welt liegt dir zu Füßen. Also – warum sollte ich das nicht schaffen?

ZEIT ONLINE: Es war eine politisch aufgeheizte Zeit – die der Bürgerrechtsbewegung, der Frauenbewegung.

Simpson: Dafür war ich natürlich ein wenig zu jung. Aber ich erinnere mich daran, dass ich mit meinen Eltern in Chicago war, wir besuchten die Mutter meiner Mutter, und sie fragten mich, ob ich nicht zu einem Konzert mitgehen wollte. Ich hatte aber gerade kein Lust. Nun, es war ein Jimi-Hendrix-Konzert, man stelle sich vor, ich hatte keine Lust gehabt, mitzugehen! Am nächsten Tag hatte meine Mutter einen Friseurtermin, sie hatte damals sehr lange, geglättete Haare, und als sie zurückkam, hatte sie es abschneiden lassen und sie trug einen wundervollen Afro. Alle Welt war schockiert. Wir lebten damals in Queens, und ich erinnere mich, dass viele Fragen gestellt wurden hinsichtlich ihrer politischen Ansichten, ausgehend von dieser neuen Frisur. Sie hatte noch nicht einmal meinen Vater in ihre Pläne eingeweiht.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Werk spielt Haar eine wichtige Rolle, zum Beispiel die Serie, in der man Frauenköpfe von hinten sieht, mit verschiedenen Frisuren, und dem Betrachter die Aufgabe nahegelegt wird, ihnen klischeehafte Unterschriften zuzuweisen… Stellen Sie hier Fragen nach speziellen weiblichen Themen? Oder stellen Sie Fragen, die das allgemein Menschliche betreffen, anhand von Frauen?

Simpson: Ich spiele immer mit dieser Grenze zwischen dem Weiblichen und dem Männlichen, mit Gender und den Besonderheiten der zugewiesenen Gender Rollen und damit, wie unmöglich es ist, dies zu kontrollieren.

ZEIT ONLINE: Sie eröffnen einen Raum, aber weigern sich auch, ihn thematisch ganz einzugrenzen. Wenn Sie also eine schwarze Frau in Szene setzen – geht es dann immer um Fragen von Hautfarbe, oder vielleicht doch auch um Frauen als solche, am Beispiel einer schwarzen Frau?

Simpson: O absolut, auch letzteres, in einem universalen Sinne. Natürlich ist Rasse immer politisch aufgeladen. Aber ich denke, dass es Universalien gibt, die vielleicht nicht immer ausgesprochen werden, aber doch akzeptiert sind.

ZEIT ONLINE: Ich frage das, weil es etwa weibliche Schriftsteller gibt, die eine weibliche Hauptfigur wählen – und sich dann vorhalten lassen müssen, sie würden Frauenliteratur schreiben.

Simpson: Etwas als Frauenthema zu bezeichnen, ist immer problematisch, weil es die Diskussion auf den weiblichen Gesichtspunkt einschränkt. Es gibt andererseits ein universales Spektrum von Bedeutungen, das immer vorausgesetzt wird, wenn Männlichkeit oder die weiße Rasse Thema sind.

ZEIT ONLINE: Die Frauenfiguren in ihrem Werk tragen oft dieses einfache weiße Kleid, eine Art von Kittel, und es provoziert Betrachter, sich zu fragen, ob Sie damit auf eine vergangene Epoche hinweisen wollen, etwa auf die, in der Schwarze in Amerika Sklaven waren – wie wirken solche Spekulationen auf Sie?

Simpson: Ich habe einmal viel Zeit auf Reisen verbracht, besonders in Italien und Sizilien. Ich bin immer gerne durch die Geschäfte gegangen und habe diese hundert Jahre alten Kittel gefunden und sie gefielen mir sehr, vielleicht ein Jahr später habe ich sie dann bei einem Projekt eingesetzt – weil sie so einfach waren. Es handelt sich also um europäische Kittel, eigentlich um Unterwäsche, sie kommen aus Italien und es gibt wirklich keinerlei Bezug zu Amerika oder der Sklaverei. Ich sah in ihnen nur dieses graphische Element, sie wirken ein wenig wie ein Scherenschnitt. Und mir schien, sie seien vielleicht geeignet, um Zuordnungen zu einer Zeit oder einem Ort genau wie der genannten zu vermeiden. Aber ein Teil meines Werkes dreht sich natürlich darum, dass die Menschen versuchen, die Identität eines Porträtierten zu bestimmen, und deshalb eben nach Indizien suchen, die ihre Zuordnung unterstreicht. Das ist im Kern die Problematik von Fotografie.

ZEIT ONLINE: Ärgert es Sie, dass Sie einen Raum der Freiheit eröffnen wollen, von Zuordnungen – und dann das Gegenteil passiert, und Betrachter das Feld wieder einengen?

Simpson: Ich kann es sowieso nicht kontrollieren. Ich denke nicht darüber nach. Teil des Werkes ist im Prinzip eine Unterhaltung, die ich über viele Jahre hinweg mit mir selber führe.

"Ich würde sagen, ich versuche die Art, wie wir die Dinge interpretieren, aufzubrechen"

ZEIT ONLINE: Was sagte also Lorna in Ihnen, der Künstlerin, als Sie Ihr berühmtes Bild Die Wasserträgerin schuf?

Simpson: Es geht darum, dass Erinnerung eine strittige Angelegenheit ist, komplex und widersprüchlich. Es geht darum, dass bestimmte Erinnerungen nicht anerkannt werden, denken Sie an politische Geschichtsschreibung, dieses absichtsvolle Vergessen, das Hinwegwischen von Menschen oder Gruppen, wie es in privaten oder politischen Zusammenhängen vorkommt. Aber ich liebe an diesem Foto auch das Verführerische des fotografischen Materials, von Schwarz und Weiß. Ich bin verführt von der Schönheit der Fotografie, mit ihr spiele ich.

ZEIT ONLINE: Sie spielen mit der Tradition der Fotografie – indem sie die Porträtierten wegdrehen, ihr Gesicht nicht zeigen, sie lassen die Personen verschwinden, in einem Nebel oder im Gebüsch eines öffentlichen Parks.

Simpson: In den 1980er Jahren, als ich diese Fotos machte, versuchte ich etwas über die Art zu sagen, in der wir Fotografie interpretieren. Über unsere kulturell geprägten Erwartungen an das, was die Bilder uns zeigen sollen. Beim Porträt wollen alle immer alles ganz genau sehen und bestimmen, wer zu sehen ist, in welcher psychischen Verfassung die Person ist. Also entschloss ich mich zu einer Arbeit, in der ich all diese Information entziehen und das Verlangen nach einem hübschen präzisen Eindruck frustrieren würde.

ZEIT ONLINE: Sie konfrontieren die Bilder mit Text – wo kommt er her?

Simpson: Die meisten habe ich geschrieben. Bei der Serie Public Sex beziehe ich mich auf Studien eines Lord Humphrie, der die sexuellen Praktiken von heterosexuellen Männern untersuchte, die in öffentlichen Toiletten mit anderen Männern Sex hatten. Er zeichnete genau auf, welche Positionen im Raum eingenommen wurden, etwa auch, wo jemand stand, der selber nicht aktiv war, aber zuschaute.

ZEIT ONLINE: Sie führen uns immer wieder an den Punkt, wo das Ich erkennt, dass es nichts erkennt. Das Selbst als Subjekt der Erkenntnis, das große Subjekt der Aufklärung, implodiert.

Simpson: Ich würde sagen, ich versuche die Art, wie wir die Dinge interpretieren, aufzubrechen.

ZEIT ONLINE: Sie brechen auch die Grenzen zwischen weiblich und männlich herunter. In einigen der Projekte, etwa in Projekt 1957-2009, stellen Sie selber nicht nur eine Frauengestalt gestisch nach, sondern auch Männer. Was war das für ein Gefühl?

Simpson: Kein besonderes. Bei der Frau hatte ich alle Hände voll damit zu tun, die Positionen einzunehmen, in denen sie sich vor der Kamera zeigt, die sich für mich wie Verrenkungen anfühlten. Anwinkeln der Beine, Neigung des Kopfes, Durchdrücken der Brust… Die Leute sagten, ich sähe meinem Vater ähnlich. Er war damals schon ein älterer Mann und ich, als mein Vater, sah jünger aus als er.

ZEIT ONLINE: Die Frau, die Sie im Projekt 1957-2009 für eigene Fotos nachstellen, mimt die Gestik einer Hollywood-Diva, das hat etwas Schmerzliches. Die so hübsch zusammengelegten Beine – ich musste an die traurige kleine Meerjungfrau denken…

Simpson: Es gab in den fünfziger Jahren kaum schwarze Frauen in Hollywood. Es gab Lena Horn, die auch Sängerin und Tänzerin war, und es gab Dorothy Dandridge, die als erste schwarze Frau für einen Oscar nominiert wurde. Aber es war sehr schwierig, dorthin zu kommen. Zugleich herrschte Rassentrennung. Die Frauen erschienen auf der Leinwand, aber sie hätten kein Hotel als Gast betreten können.