Es geschieht nicht täglich, nicht mal wöchentlich, dass ein Kunstwerk zu seinem ursprünglichen Besitzer zurückkehren kann, nachdem es vor Jahrzehnten durch Nazis aus dessen Wohnung geraubt wurde. "Aber wenn es geschieht, erfüllt uns das mit großer Freude", sagt Michael Franz von der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste in Magdeburg. Er ist der Leiter jener Datenbank Lost Art,  auf der Menschen nach ihren in der NS-Zeit entzogenen Gemälden, Büchern, Aquarellen suchen können. Sie wurde im Jahr 2000 gemeinsam von Bund und Ländern online geschaltet. Jeder kann hier draufschauen. Niemand braucht ein Passwort, keiner muss etwas bezahlen. Man könnte sagen: Franz ist Herr über das größte Schwarze Brett für braune Raubkunst.

Wie dringend notwendig seine Einrichtung war, belegen die Zahlen. Im Februar 2002 wurde unter dem Stichwort "Beutekunst" nach 36.000 Einzelobjekten gesucht. Heute sind es mehr als doppelt so viele. Bis zu 50.000 Zugriffe pro Tag kennt die Seite. In den jüngsten Tagen ist diese Zahl jedoch so sprunghaft in die Millionen angestiegen, dass der Server zeitweilig nicht zu erreichen war. Das gab es noch nie. Eine Mitarbeiterin spricht von "Wahnsinn", der bei ihnen ausgebrochen sei, seit bekannt wurde, dass in einer Münchner Wohnung 1.280 Bilder beschlagnahmt wurden, von denen mutmaßlich Hunderte Raubkunst sind. Seit dem Fall Gurlitt.

Franz begegnet dem Wahnsinn mit geduldiger Stimme, indem er erläutert, wofür genau die Koordinierungsstelle eigentlich zuständig ist, vor allem: wofür nicht. Später wird er auch erklären, warum es keinen Zweifel an der Sinnhaftigkeit gibt, Werke aus der Schwabinger Wohnung von Cornelius Gurlitt online zu stellen.

Das Thema Beute- und Raubkunst hat mehrere Dimensionen – in Franz' Augen exakt vier. Zunächst eine politische: Um die kümmert sich die Regierung, indem sie beispielsweise 1998 die Washingtoner Erklärung unterzeichnete, worin sie sich selbst verpflichtet, Raubkunst aktiv aufzuspüren und in Restitutionsfragen eine "gerechte und faire Lösung" zu finden. Wenn jetzt nach dem Fall Gurlitt Forderungen laut werden, dass alte Nazigesetze dringend für nichtig erklärt, Verjährungsfristen überarbeitet werden müssen, dann wird sich darum die neue Regierung zu kümmern haben.

Vor allem im Streitfall wird, zweitens, die juristische Dimension wichtig. Um die kümmern sich Anwälte und Gerichte, indem sie Ansprüche und Verjährungsfristen prüfen und die knifflige Frage nach der Gutgläubigkeit von Käufern be- oder widerlegen.