Als die britischen Bomber beladen wurden, die Dresden in der Nacht zum 14. Februar 1945 bombardieren sollten, sinnierte Adolf Hitler über Kunst. Im Keller der Reichskanzlei, wenige Meter entfernt vom Führerbunker, in dem er sich im Mai das Leben nehmen sollte, ließ  er sich zum ersten Mal das Architekturmodell von Linz zeigen. Jener Stadt, die er zum kulturellen Zentrum Europas ausbauen wollte. Theater, Konzerthalle, eine gigantische Oper und auch sein Führermuseum sollten dort ihren Platz finden. Alle von ihm selbst entworfen.

Der Krieg der Nationalsozialisten war auch im Februar schon verloren, das Dritte Reich lag in den letzten Zügen. Doch selbst dann war Adolf Hitler immer noch wie vernarrt in Kulturfantasmen, die ein Teil jener Wahnvorstellungen waren, mit der die Nationalsozialisten jahrelang quer durch Europa zogen und Abertausende Kulturgüter zusammenrafften. Napoleons Kunstraub in Berlin wirkt dagegen wie eine Lappalie.    

Nationale Größe ohne Kultur? Für Hitler und die Nationalsozialisten unvorstellbar. Mit enormem Aufwand betrieben sie Kulturpolitik und Kunstraub. War NS-Deutschland also mehr als eine reine Kleptokratie, die ohne Verstand auf Kunstraubzug durch Europa ging?

"Es ist außergewöhnlich, dass eine der bösartigsten Eliten der Menschheit Kunst derart viel Zeit widmete", sagt Jonathan Petropoulos, US-amerikanischer Historiker und Experte für Kunst im Nationalsozialismus. "Natürlich variierte der Grad an kulturellem Interesse unter den Nationalsozialisten. Aber man kann davon ausgehen, dass sie wirklich schätzten, was sie ansammelten – und tatsächlich auch etwas davon verstanden. Die Nationalsozialisten waren definitiv nicht so unkultiviert, wie sie oft dargestellt werden."

Rassische Vorstellung als Kulturträger Europas

Dass Hitler ein glühender Verehrer von Richard Wagner und Anton Bruckner war, ist bekannt. Doch auch andere Führungsfiguren waren der Kultur zugetan. Göring hatte einen Doktor in Literatur und verbrachte Stunden am Tag mit Kunst. Reinhard Heydrich, einer der Architekten des Holocaust, war passionierter Geiger.

Wie jedoch lässt sich die Besessenheit der Nationalsozialisten mit Kunst erklären? Petropoulos liefert drei Erklärungsansätze: einen ideologischen, einen soziologischen und einen anthropologischen. 

Zur Ideologie der Nationalsozialisten gehörte die rassische Vorstellung als Kulturträger Europas. Als Arier hatte man demzufolge an Kultur interessiert zu sein. Imperialistische Bestrebungen sollten die vermeintliche deutsche Hegemonie in der europäischen Kulturgeschichte festigen. Der Kunstraub wurde hier als Rückführung deutscher Geistesgeschichte verstanden.