Der Fall Gurlitt nimmt nochmals eine neue Wendung. Schon vergangene Woche, nachdem 60 Bilder aus dem seit Jahren verlassenen Salzburger Haus des 81-Jährigen mit seiner Zustimmung abgeholt und von seinen Anwälten an geheimem Ort sichergestellt worden waren, hatte sich Cornelius Gurlitt über seine Kanzlei an die Öffentlichkeit gewandt und seine Haltung zu erklären versucht. 

Eine Woche später nun macht er den nächsten Schritt. Seit Montag ist eine Website (www.gurlitt.info) freigeschaltet, die den ganzen Vorgang aus seiner Sicht darlegt, ja mehr noch: die Deutungshoheit zu gewinnen sucht, nachdem Gurlitt seit dem spektakulären "Schwabinger Kunstfund", des "bösgläubigen" Besitzes von Raub- und Beutekunst verdächtigt wurde.

Wochenlang hielt sich der Erbe des umstrittenen Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, der unter den Nationalsozialisten seinen Geschäften nachging und sich eine exquisite Sammlung zulegte, verborgen. Nicht einmal für die Augsburger Staatsanwaltschaft war er erreichbar, die wegen Steuerhinterziehung gegen ihn ermittelt. Assistiert von seinen Anwälten und dem ihm zugewiesenen Betreuer ändert der alte Herr nun seine Strategie und wählt die direkte Ansprache. "Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kunstinteressierte," schreibt er auf dem Eingangsportal der Website. "So viel ist in den vergangenen Wochen und Monaten passiert und passiert noch immer. Ich habe nur mit meinen Bildern leben wollen, in Frieden und Ruhe."

Ansprache vom Senior-Model

Die scheinbar arglosen Worte stehen unter dem Foto eines weißhaarigen älteren Herrn in tadellosem Anzug, das aber nicht Cornelius Gurlitt darstellt, sondern ein Senior-Fotomodel, das offensichtlich als Ausweis der Seriosität des gesamten Unterfangens und der Münchner Kanzlei dienen soll. Da manches von dem, was über seine Sammlung und ihn berichtet worden sei, nicht stimme, wolle er die Diskussion um seine Person und die Sammlung versachlichen, schreibt Gurlitt weiter.

Ein kluger Schritt, möchte man meinen, wenn nicht erneut Verwirrung gestiftet würde. Denn nun recherchieren zwei Parteien: Die von der Augsburger Staatsanwaltschaft eingeschaltete Taskforce Schwabinger Kunstfund hat sich die knapp 1.200 konfiszierten Werke aus der Münchner Wohnung des Kunsthändlersohns vorgenommen. Ein nicht näher genanntes Team wurde nun zusätzlich von Gurlitts Anwälten eingesetzt, um die Provenienz der 60 österreichischen Werke zu klären. Wie schon in einer fast unmittelbar nach dem Abtransport der Salzburger Bilder herausgegebenen Pressemitteilung der Kanzlei heißt es nun erneut, dass sich keine einzige Übereinstimmung mit Suchmeldungen in Verlustregistern ergeben habe. Man will weiter prüfen.