Ihre 16-jährige Tochter, so erzählte eine Freundin, habe sich kürzlich eine Banane vor die Hose gehalten und sei damit kichernd und hüftenwackelnd auf den neun Jahre jüngeren Bruder zugegangen. Der guckte verständnislos.

Das Mädchen hatte den Erfolgsfilm Fack ju Göhte gesehen, in dem der Held eine junge Lehrerkollegin in eine Puff-Kneipe ausführt. Als Dessert wird ein Eisbecher gereicht, gekrönt von einer zum Penis-Imitat zurechtgeschnitzten Banane. Die peinlich berührte Kollegin wird in dem Film als prüde Akademikerin vorgeführt, die sich mit den ordinären Umgangsformen, wie sie derzeit angesagt sind, nicht zurechtfindet.

Es könnte sein, dass der rüde Jargon der Jugendlichen vor allem dem Schutz gegen die allgemeine Pornografisierung dient. Sie ist derart selbstverständlich geworden, dass man geradezu auf Fräulein Almased wartet, die allabendlich auf ihren Pumps die verschneite Treppe hochschreitet, um dem Liebsten ihre Bikini-Figur zu zeigen.

Dabei ist diese Fernsehwerbung nur ein harmloses Beispiel für den sexuell aufgeladenen Bildermüll, der uns tagtäglich umgibt. Ganz zu schweigen von jenen Fernsehserien, deren Sinn und Zweck einzig im Exhibitionismus der Darsteller und im Voyeurismus der Zuschauer zu bestehen scheint, Serien, die keine Demütigung scheuen, sei sie noch so niederträchtig.

Es ist kein Wunder, dass diese profitable Abfallwirtschaft Reinheitsbedürfnisse erzeugt. Wenn sich auch die Jugendlichen im Umgang mit dem Schmutz geübt zeigen: Das Kind soll sauber bleiben, es verkörpert das Reine und Heilige. Kein Verbrechen erregt größeres Aufsehen als der Missbrauch und der schiere Verdacht, die bloße Möglichkeit erfüllt uns mit Entsetzen.

Das Museum Folkwang in Essen hat jetzt eine für den April geplante Ausstellung mit Polaroids des französischen Malers Balthus (1908 bis 2001) abgesagt. Die Bilder zeigen Nacktaufnahmen eines achtjährigen Mädchens. Es handelt sich dabei sicherlich nicht um große Kunst, und insofern bedeutet die Absage nur einen kleinen Verlust. Aber dass sie moralisch begründet wird, nicht mit mangelnder Qualität, ist ein Zeichen unserer reinheitssüchtigen Zeit. 

Wollte man anfangen, den Bestand der Museen mit diesem Blick zu durchforsten, es müsste mit einem Fiasko enden. Leda mit dem Schwan von Rubens ist zweifellos ein sexistisches Gemälde, und haben die Knaben des Caravaggio nicht etwas unübersehbar Pädophiles?

Selbst die vertrauten Kunstwerke beginnen, ihre Unschuld, wenn sie jemals eine hatten, zu verlieren. Entscheidend ist aber, ob unser Blick unschuldig ist. Er kann nicht mehr unschuldig sein, wenn wir säkulare Inseln der Reinheit postulieren. Wir können wohl nicht anders. Niemals mehr werden wir die Zeichnungen eines Egon Schiele oder eines Balthus unbefangen ansehen können.

Ist das ein Unglück? Vermutlich nicht. Aber der Drang nach Purifikation führt unweigerlich zu einem neuen Puritanismus. Er beruft sich nicht mehr auf den biblischen Gott, sondern auf die zeitgenössischen Götter der Gleichberechtigung und der Gleichstellung, der Anerkennung aller Identitäten und Minoritäten, schließlich der Gesundheit und Leistungsfähigkeit.

Der Polytheismus des moralisch richtigen Verhaltens kennt keinen lieben, verzeihenden Gott.