Höhere Wesen befahlen das Polizeischwein – Seite 1

Nichts ist, wie es scheint. Niemandes Wahrheit ist wirklich. Und folgen sollte man nur den Fixsternen, die man sich selbst ans Firmament gemalt hat.

Was lapidar als Credo der Postmoderne durchgeht, könnte auch der Leitfaden zu einer der umfangreichsten Retrospektiven sein, die das New Yorker MoMa jemals gezeigt hat. Alibis: Sigmar Polke 1963 – 2010 ist die erste Schau weltweit, in der das Werk des großen deutschen Nachkriegskünstlers in seiner ganzen medialen Vielfalt zu bestaunen ist.

Gleich zu Beginn, im Atrium, steht der Besucher in einem Kreis aus Exponaten, der eher an eine Gruppenausstellung erinnert, so disparat wirken die Themen, Techniken, Blickwinkel der Werke. Hier eine spärliche Gartenhütte, alles andere als wind- und wetterfest, gespickt mit Kartoffeln, der heißgeliebten Sättigungsbeilage der Deutschen. Dort ein aus vergröberten Rasterpunkten zusammengesetztes Bild eines Beamten, der ein Schwein mit seiner Polizeimütze geschmückt hat. Daneben ein Sternenbild auf dunkelblauem Tuch, in dem sich der Name "Polke" abzeichnet. Gegenüber der Satz "dnis eis eiw nehes egniD eiD". Spiegelschrift. Die Umkehrung des Offensichtlichen. Als wollte dieses Bild dem Betrachter noch einen Tipp geben, bevor er die weitere, chronologisch geordnete Ausstellung betritt.

Polke reflektiert alles

Sigmar Polke hat sich stets aller Eindeutigkeit verweigert. Die Dinge sehen wie sie sind – das ist nach seiner Auffassung unmöglich, weil es keine verlässliche Objektivität gibt. In dem gleichnamigen Werk von 1991 dreht er also die Aussage um, macht sie im doppelten Sinn rückwärts durch einen transparenten Stoff lesbar und verleiht ihr eine programmatische Bedeutung für sein gesamtes Schaffen: Polke hinterfragt und reflektiert alles, er sieht die Dinge anders, als sie erscheinen, und gibt seine Sicht auf ihr Wesentliches frei. Keineswegs um zu belehren, nur um zu verstören. Um gängige Perspektiven zu durchkreuzen.

Die amerikanische Kuratorin Kathy Halbreich hegte seit Langem den Wunsch, eine umfassende Polke-Retrospektive gestalten zu dürfen. Mehrmals hat sie den Künstler gefragt, ebenso oft hat er abgelehnt. Erst 2008 willigte er ein, 2010 starb er an Krebs. Sechs Jahre lang hat Halbreich mit ihrem Team an dieser Ausstellung gearbeitet, hat sich so tief ins unendliche Polke-Universum begeben, dass man meinen könnte, Alibis sei nun auch ihr Lebenswerk. Dabei legt sie besonderen Wert darauf, dass dies kein Best of Polke ist, keine Aneinanderreihung von Meisterwerken. "Manche Stücke wirken absichtlich unbeholfen oder dumm", sagt sie. Polke, der am teuersten gehandelte deutsche Künstler nach Gerhard Richter, habe zu Lebzeiten einige exzellente Werke für sich behalten und einige minderwertige auf den Markt gebracht. Nur um zu schauen, wie der darauf reagiert.

Alibis zeigt die stärkeren wie die blasseren Arbeiten, die frühen wie die späten, die Zeichnungen, Filme, Fotografien, Malereien, Installationen und Drucke, alle Formate, alle Mittel, alle Medien, the full Polke. "Er war ein Universalkünstler", sagt Halbreich, "aber seine Wurzeln ragten tief in vergifteten Boden".

Die deutsche Pop Art

Die Schuld der Elterngeneration, das deutsche Erbe, das nach dem Krieg von Ideologie zerrissene Land – Polke arbeitete auf einer Grundierung aus Nazidiktatur und Wirtschaftswunder-BRD. Sein unbedingter Wille zur Kritik erschließt sich nur im historischen Kontext. Er wurde 1941 in Schlesien geboren, floh mit der Familie 1945 nach Thüringen. 1953 verließen die Polkes die DDR über West-Berlin nach Mönchengladbach. Sigmar machte eine Lehre zum Glasmaler und studierte dann an der Kunstakademie Düsseldorf. Schon die Arbeiten des 22-Jährigen zeugen von humorvoller Kritik an der deutschen Geschichte und der Geisteshaltung der Bevölkerung. Zur selben Zeit gründete Polke zusammen mit Gerhard Richter und Konrad Lueg die Schule des Kapitalistischen Realismus, einer Strömung, die in direkter Antwort auf den Sozialistischen Realismus mit amerikanischer Pop Art sympathisierte und zugleich die Massenkultur der USA konterkarierte.

Kurz nachdem Andy Warhol, Roy Lichtenstein und Robert Rauschenberg Anfang der Sechziger auf der anderen Seite des Atlantiks den Siebdruck als künstlerisches Medium eingeführt hatten, experimentierte auch Polke damit. Ihm ging es jedoch nicht um die technisch perfekte Reproduktion bekannter Fotomotive wie Jackie Kennedy oder Marilyn Monroe, sondern um die Zerstörung der Gewissheiten und die Entblößung des Mediensystems. Berühmt wurden seine sogenannten Rasterbilder, Polke stieg auf zum Herrn der Punkte. Er nahm Bilder aus Nachrichtenmagazinen, die im preisgünstigen Halbton-Verfahren gedruckt und aus farbigen Punkten zusammengesetzt waren, übertrug sie in Vergrößerung auf seine Arbeitsfläche, sodass die pointilistischen Motive ihren Zusammenhang verloren. Dann setzte er händisch neue Punkte ins Bild und manipulierte die Aussage des ursprünglichen Fotos. Er verrückte alle Anhaltspunkte.

Gegen alle Autoritäten

Welche Wahrheit können Medien vermitteln? Liegt nicht schon in der Vermittlung überhaupt der große Verlust aller Wahrhaftigkeit? Polke wusste, wie die Presse die Gesellschaft beeinflussen kann, wie sie bestimmte, gefährliche Richtungen vorzugeben vermag. Und er lehnte diese Autorität ab wie jede andere.

Es zieht sich als Thema durch die gesamte MoMa-Retrospektive: Polkes Antrieb war sein Misstrauen gegenüber allen Institutionen, es war seine persönliche Konsequenz aus der deutschen Geschichte. Er stellte Wissenschaft, Religion, Politik und die Kunst selbst infrage all das, was den Menschen ein wohlig-taubes Gefühl der Sicherheit vermitteln könnte. Er belustigte sich über Albrecht Dürer, eine Autorität der deutschen Kunstgeschichte. Er presste Purpurschnecken aus, um damit einen profanen Stofffetzen zu färben – das Ergebnis hat so gar nichts Königliches. Nach Polke ist 1 + 1 = 3.

Seine Universalkritik ist wohl in keinem anderen Werk so offensichtlich wie in seinem bekanntesten: Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen! von 1969. Wer sind diese höheren Wesen, die einen Künstler steuern? Politiker, Götter, Lehrer, Außerirdische? Was immer sie mit ihm machen, auch dem Künstler ist nicht zu trauen.

Polke bleibt unfassbar

Folgerichtig hat sich Polke auch dagegen gewehrt, als Autorität vom Kulturbetrieb vereinnahmt zu werden. Besuchstermine ließ er platzen, sein Telefon vergrub er in einem Koffer. Seine größte Angst war, mit der Distanz zur Gesellschaft seine Kritikfähigkeit zu verlieren. Sigmar Polke blieb absent. Für seine Nonkonformität und seinen brillanten Witz möchte man ihn dankbar umarmen und spürt doch, dass er sich sofort dieser Nähe entwinden würde.

So ist der Titel der Ausstellung in doppeltem Sinn passend gewählt: Alibis, das sind die Ausreden der Deutschen, die den falschen Autoritäten gefolgt sind. Alibi ist aber auch das lateinische Anderswo, der Ort, an dem sich der flüchtige Sigmar Polke aufhält, um sich vor dem Zugriff der Gewissheiten zu schützen. Die 265 Werke der Retrospektive sind Stationen einer Schnitzeljagd. 265 Punkte, die zu einer Linie verbunden das Lebenswerk eines unfassbaren Künstlers umreißen.