Cornelius Gurlitt ist tot. Was wird jetzt mit seiner riesigen, aus mehr als 1.200 Gemälden und Papierarbeiten bestehenden Sammlung geschehen? Direkte Nachkommen hatte Gurlitt nicht, Erben aber gibt es. Vor einigen Wochen wurde mit dem Bund und dem Land Bayern eine Vereinbarung getroffen, wonach die Kunstwerke der Sammlung auf ihre Provenienz untersucht werden sollen, um Ansprüche von Alteigentümern rasch zu befriedigen. Darin war keine erbrechtliche Regelung enthalten. Sollten Gurlitts Erben also die Hinterlassenschaft ausschlagen, aus welchen Gründen auch immer, fällt dem Staat diese kunstgeschichtlich bedeutende Sammlung zu.

Gurlitt, ein zurückgezogen lebender, ja weltabgewandter Mann, wurde letztes Jahr brüsk in die Öffentlichkeit gezerrt. Erst galt er als Nazi-Verbrecher, dann als Steuerhinterzieher und Schmuggler. Schließlich als Opfer einer übereifrigen bayerischen Justiz. Hilflos, vielleicht aber auch in einer besonderen Gelassenheit, ließ er die Aufregung um seine Sammlung sich austoben. Diese Sammlung, zusammengetragen im Wesentlichen vom Vater Hildebrand Gurlitt, erinnerte die Deutschen schmerzlich an ein Kapitel ihrer Vergangenheit, das sie schon als beschlossen oder weniger bedeutsam angesehen hatten: den Kunstraub der Nazis.

Jüdische Sammlungen waren geplündert, enteignet, erpresst worden. Und Hildebrand Gurlitt gehörte zu den wichtigsten, am meisten privilegierten, auch wohlhabendsten Kunsthändlern jener Zeit. Der Sohn hatte nach dem Tod des Vaters 1956 dessen Sammlung übernommen. Cornelius Gurlitt übte nur kurz den Beruf des Restaurators aus. Jahrzehntelang lebte er im Stillen in Salzburg oder München, bestritt seine Existenz durch den Verkauf von Grafiken oder Gemälden. Ansonsten mied er die Menschen. Das war seltsam, rechtswidrig war es nicht.

Die Bundesrepublik kann im Geist der Washingtoner Erklärung von 1998 Restitutionsansprüche rasch und unbürokratisch befriedigen. Das hier formulierte Prinzip besagt, dass bei Kunst in öffentlichem Besitz im Zweifelsfall ethische Aspekte höher zu gewichten seien als eine lückenlose und zweifelsfreie rechtliche Klärung.

Dem zweiten Blick allerdings folgt eine gewisse Ernüchterung. Der Staat wird jetzt zunächst einmal die Sammlung treuhänderisch verwalten, bis geklärt ist, was mit dem Erbe wird. Im Prinzip erstreckt sich der Erbanspruch auch auf jene Werke, auf denen derzeit Restitutionsansprüche lasten, zumindest bis deren Berechtigung erwiesen ist. Es sei denn, der Staat schafft vorher Fakten und gibt diese Werke zurück – dann läuft er allerdings Gefahr, hinterher mit Schadensersatzansprüchen konfrontiert zu werden, sollte sich sein Handeln als voreilig erweisen.

Weder die Washingtoner Erklärung noch der im Ausland erzeugte Druck werden die Mühlen des Rechtsstaates am Mahlen hindern. Denn es hatte sich gezeigt, dass Cornelius Gurlitt rechtmäßiger Eigentümer sämtlicher Objekte ist.

Die in den vergangenen Monaten von jüdischen Organisationen und  Anwälten geübte Kritik an der Bundesrepublik richtete sich ja nicht auf den Umstand, dass Deutschland in Restitutionsfragen nach Recht und Gesetz verfährt, und zwar nach bundesrepublikanischem, mit allen seinen Eigenheiten. Die Kritik bezog sich vor allem auf die teilweise üppigen Fristen, die sich Behörden und Forscher genehmigen, bis sie Provenienzen klären und rekonstruieren. Von der raschen Veröffentlichung ihrer Ergebnisse ganz zu schweigen. Und diese Kritik betraf die deutsche Provenienzforschung insgesamt, nicht nur im Fall Gurlitt. Da in der Bundesrepublik gesetzlich niemand wirklich verantwortlich ist für die Durchführung von Restitutionen, ist das Tempo generell gemächlich.