Fünf Männer in einem Holzkarren. Der Erste spielt Geige mit verbundener Hand und hält eine Zigarette im Mundwinkel, der Zweite hebt eine Flasche an, dem Dritten klemmt ebenfalls eine Geige unterm Kinn, der Vierte zupft die Saiten eines Kontrabasses. Der Letzte sitzt auf dem Kutschbock, die Zügel in der Hand. Die Sonne bescheint weite Wiesen, den Schotterweg und die Gesichter der Männer. "Rumänien 1958, Kleine Walachei, Musiker auf dem Weg zu einer Hochzeit", notierte die Fotografin Inge Morath dazu. Sie stand hinter der Kamera, ihr wandte sich das Quintett so offen zu.

Die 1923 in Graz geborene Fotografin lebte als junge Frau in Berlin, Wien und Paris und später mit ihrem Ehemann, dem Schriftsteller Arthur Miller, in New York. Sie war die zweite Frau, die von der Fotoagentur Magnum aufgenommen wurde, und ist heute vor allem für ihre schwarz-weißen Reisefotografien bekannt. Für die damalige Zeit beeindruckend waren ihre Stationen – Irak 1956, Iran 1957, China 1978. Wie das Foto der rumänischen Musiker sind auch die Impressionen, die sie auf ihren Reisen festhielt: stets nah am Objekt, unerwartet eindrücklich.

Die Donau-Reise war also bloß eine von vielen. Und doch trieb Morath vielleicht eine besondere Faszination für diesen Fluss, der Europa, durch das sie im zweiten Weltkrieg noch zu Fuß geflohen war, so viel bedeutet. Sie bereiste die Donauregionen, als sich der Eiserne Vorhang senkte und als er sich wieder hob. In ihren Tagebüchern schrieb sie: "Eines Tages im Mai 1958 wurde mir klar, dass das Verfolgen der Donau von ihrer Quelle bis zu ihrem Ende, eine dieser unvermeidbaren Reisen ist".

Inge Morath auf einem historischen Foto © Inge Morath

Diesem Weg folgen nun acht Fotografinnen aus aller Welt mit ihrer Wanderausstellung Danube Revisited. In einem zur Galerie umfunktionierten 7,5-Tonner wollen sie Moraths Fotografien dorthin zurückbringen, wo sie aufgenommen wurden. Binnen fünf Wochen bereisen sie die zehn Länder, die die Donau durchfließt. Die Künstlerinnen sind allesamt Preisträgerinnen des Inge Morath Award. Drei von ihnen, Olivia Arthur, Emily Schiffer und Lurdes Basolì, lernten sich vor zwei Jahren kennen und beschlossen, dem Andenken der Fotopionierin, der sie einen Preis verdanken, etwas hinzuzufügen. Während der Reise werden sie Fotos machen, acht neue Perspektiven auf die Donau festhalten.

Jede von ihnen hat sich ein Thema vorgenommen, die britische Magnum-Fotografin Olivia Arthur beispielsweise plant eine Serie über jugendliche Beziehungen. Die US-Amerikanerin Emily Schiffer interessiert sich für den Alltag geschichtsträchtiger Orte: "Ich werde ein Konzentrationslager besuchen. Die Menschen, die dort sauber machen, den Müll rausbringen – ich möchte sehen, wie daraus ein gut erhaltener Ort gemacht wird, den Leute besuchen können."

Zur Donau und Osteuropa hatten die meisten der Fotografinnen vor dem Projekt noch keinen Bezug. In den vergangenen zwei Jahren haben sie Inge Moraths Tagebücher und Briefe gelesen. Daraus haben sie eigene Vorstellungen von der Region entwickelt. "Es gibt die romantische Idee in Europa, dass die Donau die Kulturen verbindet. Gleichzeitig teilt sie sie aber auch. Zwischen Bulgarien und Rumänien beispielsweise gibt es auf 500 Kilometern nur eine Brücke. Sie ist schön, gleichzeitig aber auch schmutzig. Ambivalent, wie wir Menschen auch", sagt die Spanierin Lurdes Basolì.

Die fünfwöchige Suche nach Inge Moraths Donau wird anschließend in einer Ausstellung mit den historischen und den neuen Fotos festgehalten. Dazu soll es auch einen Dokumentarfilm geben. Das Seltsame und das Schöne in der Fotografie, schrieb die Österreicherin einst, läge schließlich in der Vielfalt der Blicke. "Keine zwei Fotografen, selbst wenn sie am selben Ort zur selben Zeit sind, kommen mit denselben Bildern zurück."