Stell Dir vor, das Berghain macht auf – und jeder kommt rein. Zum Geburtstag schenkt sich der von Mythen umrankte Technoclub nämlich die Kunstausstellung 10, und die ist öffentlich. Die Berliner Türsteherlegende Sven Marquardt wird diesmal eben nicht vor der Eisentür stehen, sondern drinnen als Motiv an der Wand hängen. Da werden etliche Schwarz-Weiß-Porträts von Nachtschwärmern und anderen Hipstern gezeigt.

Neben Marquardt wurden acht weitere Künstler vom Berghain gebeten, ihren Beitrag zu der dreiwöchigen Ausstellung zu leisten, in der sich der Club vor allem mit sich selbst beschäftigt – mit diesem urbanen Mythos um Techno, Sex und Drogen, den quasi-religiösen Riten der Subkultur. Bespielt wird die sogenannte "Halle am Berghain", ein Heizkraftraum im hinteren Teil des alten DDR-Kraftwerks, das mit seiner üppigen Architektur im Stile des sozialistischen Neoklassizismus unter Denkmalschutz steht und in dem der Nachtclub seit 2004 residiert. Der Raum ist ein gewaltiger, knapp 20 Meter hoher Betonkoloss, überall mit Farbe und Schriftzügen besprüht. Durch die spärlichen Fenster gelangt nur wenig Licht hinein, was die Halle noch düsterer und industriell verbrauchter aussehen lässt. Der ideale Raum für eine Kunstausstellung über einen der weltweit wohl wichtigsten Orte urbaner Subkultur. 

Zunächst wollte sich das Berghain um eine Konzerthalle in Form eines Kubus erweitern. Nach Uneinigkeiten zwischen den Betreibern und der Senatsverwaltung platzten die Pläne 2010. Seitdem kommt die Halle am Berghain, die hinter den eigentlichen Clubräumen liegt, nur vereinzelt für Veranstaltungen zum Einsatz. Zuletzt war sie 2013 Spielort der hochgelobten Ballettproduktion Masse. Seinerzeit wurde das Bühnenbild von einem der großen Berliner Zeitgenossen geschaffen: Norbert Bisky zerschnitt nun die bemalte Plane, die als Tanzboden diente, damit diese nun als tanzender, fliegender Teppich durch die Heizkrafthalle schweben kann. Auch die anderen Werke bilden mehr oder weniger offensichtliche Referenzen zum Club. Piotr Nathans Bilder und Installationen widmen sich dem Thema Rausch. Der polnische Künstler, der seit knapp dreißig Jahren in Berlin lebt, hatte bereits das Foyer des Clubs mit einem großformatigem Gemälde bestückt. Daneben werden Werke der Fotografen Ali Kepenek und Friederike von Rauch gezeigt sowie Rauminstallationen von Viron Erol Vert und Carsten Nicolai. 

In einem eigens angefertigten kioskartigen Gebilde wird es die temporären Tattoos von Marc Brandenburg geben, so dass sich die Besucher Motive aus zehn Jahren Clubgeschichte auf den Körper kleben können, sofern sie das wollen. Körperlichkeit in weitestem Sinne ist auch das Thema des Werks Hero’s Journey der Berliner Künstlerin Sarah Schönfeld. Es ist wohl da provokanteste Werk der Ausstellung, hebt es doch die Technokultur mit all ihren Exzessen regelrecht in sakrale Höhen: In langen Nächten sammelte Schönfeld von Berghain-Besuchern Schweiß und Urin. Letzteres füllte sie in einen Glaskasten, um den mit Ecstasy, Alkohol und sonstigen Substanzen versetzen Körpersaft mit Licht zum Erstrahlen zu bringen. Mit dem gesammelten Schweiß erzeugte sie purpurne Abdrücke, die nicht zufällig an das Schweißtuch der Veronika erinnern, auf dem christlichen Legenden nach das Abbild Jesu sichtbar wurde.

Die Ausstellung "10" ist vom 8. bis 31. August 2014 in der Halle am Berghain zu sehen.