Er war einer der ältesten noch aktiven Künstler der Welt: Der Schweizer Maler und Grafiker Hans Erni ist im Alter von 106 Jahren gestorben. Er gehörte zu den beliebtesten Malern der Schweiz und hatte Künstler wie Pablo Picasso und Käthe Kollwitz noch persönlich gekannt. Er starb am Samstag in einer Klinik seiner Heimatstadt Luzern, teilte seine Familie mit.

Noch mit weit über 100 Jahren hatte der am 21. Februar 1909 geborene Künstler fast täglich in seinem Atelier gearbeitet. Er hinterlässt ein umfangreiches Werk mit Lithographien, Buchillustrationen, mehr als 300 Plakaten sowie Reliefs, Mosaike und Plastiken. Außerdem malte er mehrere Wandbilder, etwa für die Vereinten Nationen und das Schweizerische Rote Kreuz. 

Wegen seiner Überzeugungen wurde Erni lange Zeit als Landesverräter und kommunistischer Staatsfeind gebrandmarkt. Durch seine Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg hatte sich der Schweizer dem Marxismus zugewandt. Er meinte, der Weltfriede lasse sich nur durch soziale Gerechtigkeit und dieser nur durch den Kommunismus erreichen.

Unter dem Eindruck von Stalins Schreckensherrschaft und der Diktatur in kommunistischen Ländern wandte sich Erni später vom Marxismus ab. Seinem humanistischen Engagement – etwa für das Frauenstimmrecht und den Schutz der Natur und gegen Atomwaffen – blieb er jedoch treu. 

Späte Anerkennung

Seinen künstlerischen Durchbruch hatte Erni 1939 mit dem Auftrag, für die Landesausstellung ein monumentales, 100 Meter langes Wandbild der Schweiz zu erschaffen. Seither ließ er sich immer wieder für Aufträge der öffentlichen Hand gewinnen. Heute gibt es kaum ein Schulhaus in der Schweiz, das keines seiner Wandbilder von Pferden oder eine Zeichnung mit seinen expressiven Gestalten besitzt.

Den Wandel vom "enfant terrible" zum Liebling des Bürgertums nahmen ihm besonders die Kunstkritiker übel. Im Gegensatz zu seiner großen Popularität standen lange abschätzige Kommentare von Seiten der Kritiker. Oft wurde ihm vorgeworfen, dass er seinen surrealistischen Anfängen den Rücken gekehrt habe, um ein gefälliger Kunstmaler zu werden und bewusst den Massengeschmack zu bedienen. Seine als Auftragswerke schweizerischer Großunternehmen in den 1950er Jahren entstandenen monumentalen Wandbilder trugen zu diesem Eindruck bei. 

Zahlreiche Verehrer und Sammler kämpften um Werke Ernis und zahlten hohe Preise. Das half ihm sicher dabei, Schmähungen gelassen zu ignorieren: "Ich habe gegen unfaire Kritik noch nie öffentlich protestiert, das vergrabe ich in mir", sagte er.

Zu seinem 100. Geburtstag zeigte das Kunstmuseum Luzern 2009 eine große Hans-Erni-Ausstellung. Der Künstler habe die Ansprüche erfüllt, die ein breites Publikum an die Kunst stelle, sagte der damalige Kurator Peter Fischer.