"Wir hatten einfach keine Vorbilder mehr!"

Kaum zu glauben, dass der Zero-Rakete auf dem Weg in Richtung Kunstgeschichte fast der Sprit ausgegangen wäre. Zwei Boomphasen hielten das Projekt glücklicherweise auf Kurs. Die erste begann gleich zu Anfang: 1958 formierten sich Otto Piene, Heinz Mack und Günther Uecker zu Zero. Sie vernetzten sich mit Künstlern wie Lucio Fontana aus Mailand oder Yves Klein aus Paris zu einer schlagkräftigen Avantgarde, die eine ungegenständliche und unpersönliche, dabei aber coole, spirituelle und erstaunliche Kunst propagierte. Frühe Anerkennung in Museen in Leverkusen (1960) und Amsterdam (1962) waren der Lohn. Nach Ende der Gruppe (1966) stellten Piene, Mack und Uecker bis in die Siebziger hinein auf Biennalen und auf der Documenta aus. Danach wurde es ruhig um Zero.  

Sprung in den Februar des Jahres 2010 und einen Auktionssaal von Sotheby’s in London. Die Sammlung Lenz Schönberg mit Zero-Kunst wird versteigert – und erzielt sensationelle Ergebnisse. Ein Nagelbild von Uecker verfünffacht seinen Schätzpreis auf rund 936.000 Euro. Werke von Piene und Mack landen bei 250.000 und 230.000 Euro. Auch hier hatte man ein Fünftel des Preises erwartet. So gerät Zero wieder ins Blickfeld. Die zweite Zündphase der Zero-Rakete wurde maßgeblich vom Markt angeheizt. Der Rekordpreis für ein Uecker-Nagelbild liegt mittlerweile bei 1,26 Millionen Euro – erzielt im vergangenen Juli mit Hommage à Fontana I (1962) bei Ketterer in München. 

Auf den Boom am Markt folgt die Wiederentdeckung durch die Kuratoren: 2014 stellte Heinz Mack goldene Stelen vor der Kirche San Giorgio Maggiore in Venedig auf und Otto Piene ließ aufblasbare Sterne über der Berliner Nationalgalerie aufgehen. Aktuell läuft im K20 in Düsseldorf Günter Ueckers Werkschau (bis 10. Mai) – und dann gibt es natürlich die lang erwartete Zero-Retrospektive, die nach einer Station im Guggenheim Museum New York jetzt bis zum 8. Juni im Martin-Gropius-Bau in Berlin gastiert, bevor sie nach Amsterdam weiterzieht. All das mehrt den Ruhm: Während Günter Uecker sich schon seit längerem in den Top 100 des Kunstkompasses festgesetzt hat, macht vor allem Mack mit einem Zuwachs von 4.250 Punkten und einen großen Sprung auf Platz 204 auf sich aufmerksam. Anlass für ein Gespräch mit dem Künstler auf dem Huppertzhof, seinem Wohnsitz in Möchengladbach.

Frage: Herr Mack, ich habe gelesen, dass Ihre erste Begegnung mit Kultur im Kino Ihres Dorfes stattfand. Ist also das Kino, das ja früher auch als "Lichtspielhaus" bezeichnet wurde, die Geburtsstätte des späteren "Lichtkünstlers" Heinz Mack?

Der Kunstkompass erscheint exklusiv in "Weltkunst", dem Kunstmagazin der ZEIT, Ausgabe Nr. 99, ab sofort bis 8. April am Kiosk.

Heinz Mack: Das klingt zwar gut, aber so ganz stimmt es wohl nicht. Richtig ist, dass meine Schwester und ich aus Krefeld nach Lollar evakuiert wurden – das zu meiner Jugendzeit wirklich eher ein Dorf als eine Kleinstadt war. Und in diesem Kuhdorf gab es in der Tat ein Kino, das aber nichts mit einem Kino in unserem heutigen Sinne gemein hatte. Das war eine alte Scheune mit einem Lehmboden. Da wurden die Stühle draufgestellt.

Frage: An welche Filme erinnern Sie sich?

Mack: Ein Erlebnis war für mich, als ich in diesem Kino Zarah Leander sah. Sie war sehr schön – im Dorf gab es nicht so schön angezogene Frauen – und sang mit einer Bariton-stimme Lieder wie Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n. Das war deshalb merkwürdig, weil es gleichzeitig Gerüchte von kriegsentscheidenden "Wunderwaffen" gab. Ebenso im Gedächtnis sind mir Filmaufnahmen der Olympischen Spiele 1936 in Berlin, die in diesem Kino gezeigt wurden.

Frage: Ein bekanntes Propagandawerk von Leni Riefenstahl

Mack: Ja, da waren die Nazis natürlich unglaublich stolz drauf. In Riefenstahls Film Olympia sieht man am Ende den "Lichtdom", von dem ich damals nicht wusste, dass er von Albert Speer war. Mich erinnerte das visuelle Spektakel an den Bombenangriff auf Krefeld – der auch ein Lichtdom war und dessen Nachglühen und nachfolgende Explosionen ich damals mit meiner Agfa-Kamera fotografieren konnte. Also, das hat alles wahrscheinlich schon unbewusste Folgen für meine Beschäftigung mit Licht gehabt.

"Nach dem Krieg war ein intellektuelles Vakuum entstanden"

Frage: 1950 haben Sie sich dann als 19-jähriger Abiturient an der Kunstakademie Düsseldorf für Kunsterziehung eingeschrieben, dem drei Jahre später noch das Zweitfach Philosophie in Köln folgte. In beiden Klassen begegneten Sie Otto Piene, Ihrem späteren Zero-Mitbegründer. Wie haben Sie sich als Gleichgesinnte erkannt?

Mack: Zwischen Piene und mir gab es eine Intuition: Wir wollten nicht nur gute Kunst machen – und haben uns zu diesem Zweck auch heftig gegenseitig kritisiert –, sondern wir merkten, dass wir gemeinsame Ansichten teilten. Das war ein menschliches Ereignis. Sie müssen wissen, dass nach dem Krieg nicht nur ein materielles Vakuum entstanden war, sondern auch ein vollkommenes künstlerisches Vakuum und vor allem ein intellektuelles Vakuum. Es gab hierzulande nichts mehr, was uns hätte faszinieren oder begeistern können. Kurz gesagt: Wir hatten einfach keine Vorbilder mehr!

Frage: Wie sind Sie damit umgegangen?

Mack: Wir sagten uns, dass wir die drei Jahre Studium wieder vergessen mussten. Das war eine ganz wesentliche Erkenntnis: Alles, was du bis jetzt gelernt hast, ist möglicherweise gar nicht für deinen künftigen Lebensweg sinnvoll, das musst du wieder verwerfen. Du musst wieder ganz von vorn anfangen.

Frage: Das ist also der Nullpunkt, von dem 1958 Zero als Gruppe ausging?

Mack: Diesen Entschluss, wieder von vorne anzufangen, hat zunächst jeder für sich allein gewagt. Wir haben natürlich alles gelesen, was uns noch zur Verfügung stand. Ich nahm mir Kandinskys Punkt und Linie zu Fläche vor. Danach war für mich klar: Punkt, Linie und Fläche sind das Elementarste, was es in der Atomphysik der Kunst gibt! Und also beginnt Piene mit seinen Punkten, aus denen er serielle Raster macht. Und ich fange gleichzeitig mit Linien an, die ich parallel zueinander und seriell zu einer Struktur der Energie ordne. Wenig später habe ich dann mit den Reliefs begonnen, weil sie zwischen der Malerei und der Skulptur vermitteln. Wir fingen wirklich wieder von vorne an und erkannten schnell, dass nun für uns alle Türen offenstanden.

Frage: Spielt Komposition als Ausdruck räumlicher und zeitlicher Zusammenhänge in Ihrem Werk eigentlich eine Rolle? Oder lehnen Sie den Begriff "Komposition" in Bezug auf Ihre Arbeiten generell ab?

Mack: Wenn man die Werke aller Künstler betrachtet, die direkt oder indirekt an Zero beteiligt waren, dann fällt auf, dass alle seriell arbeiten. Und keiner hat Komposition gemacht. Bei den Musikern dieser Zeit war es ganz genauso. Ob das John Cage war, Karlheinz Stockhausen, Steve Reich oder Philip Glass – bei allen finden Sie reine, serielle Strukturen! Das hat uns sehr elektrisiert, dass wir anstelle von Kompostion nun Strukturen, Energiefelder, Raster und serielle Reihungen gebracht haben.

Frage: Bemerkenswert finde ich auch das Wechselspiel zwischen Farbigkeit und Nichtfarbigkeit in Ihrem Werk, das bis heute anhält. Farbe spielte ja schon früh in Ihrem Leben eine Rolle: Während Ihrer Schulzeit haben Sie als Hilfsarbeiter in einer Färberei gearbeitet, um Geld für die Familie zu verdienen.

Mack: Stimmt, in den Vereinigten Seidenwebereien in Krefeld habe ich die Arbeiter in der Farbküche mit Nachschub an Pigmenten versorgt, drei Kilo Blau oder zwei Kilo Gelb. Das war insofern mörderisch, als dort eine enorme Hitze herrschte und zudem keine Masken getragen wurden.

Frage: Was assoziieren Sie mit einzelnen Farben? Was bedeutet Rot für Sie? Was Gelb?

Mack: Rot erinnert mich heute noch an die Nazi-Fahnen – wenn in unserem Dorf wieder der Befehl kam: "Alle Flaggen raus!" Das Rot hatte eine sehr aggressive Wirkung auf dem Grau der Häuser. Auch die Aufmärsche in der DDR und der gesamte russische Revolutionszirkus fanden ja unter roten Fahnen statt. Das ist wirklich die Farbe der Aggression, der Diktaturen, wenn zum Rot keine Komplementärfarben hinzutreten. Oder wenn man es musikalisch ausdrückt: Rot ist ein Schrei! Dagegen ist Weiß die vollständige Stille. Und Schwarz wäre für mich vollkommen unmusikalisch. Da schwingt nichts.

Frage: Welche Farbe schwingt denn richtig?

Mack: Gelb schwingt. Wenn ich einen Raum gestalten sollte, in dem Mozart-Musik zum Tragen kommt, würde ich ihn nicht türkisgrün ausmalen, sondern gelb. Und Blau hat ebenfalls einen himmlischen Ton. Da denke ich ans Mittelmehr. Azurblau.

Frage: 1961 haben Sie dann begonnen, mit Spiegelungen zu arbeiten. Wie kam es dazu?

Mack: Die ersten Versuche machte ich hier auf dem Huppertzhof. Ich habe einfache Dekorationsspiegel gekauft und in den Rasen gesteckt. Der Rasen wurde reflektiert, was zu einer optischen Desorientierung führte. Ich fand zwischen den Spiegeln gar nicht mehr hindurch. Das war die erste kardinale Entdeckung: dass die Präsenz des Spiegelbildes die gleiche Realität hat wie die Realität selbst.

Frage: Und die zweite Entdeckung?

Mack: Das war die Erkenntnis, dass durch die Spiegel ein Gegenstand vom Ursprungsort an einen anderen Ort verschoben wurde. Das habe ich in der Wüste noch intensiver erfahren dürfen, als ich dort Spiegel aufstellte und mich dann wieder bis zu einem halben Kilometer von ihnen entfernte. Wenn die Sonne richtig reagiert, blitzt der Spiegel auf und das Bild ist mit Lichtgeschwindigkeit bei Ihnen. Und der Raum dazwischen ist weg!

Frage: Warum sind Sie eigentlich 1955 erstmals in die Sahara gegangen?

Mack: Das war auch eine innere Revolte gegen die Welt der Museen und gegen die Kulturindustrie, gegen das Überangebot an Bildern und deren ständige Verfügbarkeit. Die Wüste ist ein naturbelassener Ort, an dem Raum, Zeit und auch die Kunst eine ganz neue Dimension bekommen. Meine Werke haben die Sahara nicht verändert, sondern es genügte eine Nacht und ein Wind – und alles war wieder vorbei. Aber in den besten Momenten erlebte ich dort visuelle Erscheinungen, die ich als "Epiphanien" bezeichnen möchte. Das waren wirklich Wunder.

Frage: Ich würde zum Abschluss noch gern fragen: Was bedeutet Schönheit für Sie?

Mack: Schönheit ist einerseits ein ungerechtfertigtes Tabu in der zeitgenössischen Kunst und andererseits eine Realität – allerdings eine, die man nur sinnlich begreifen kann. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an den Philosophen und Phänomenologen Edmund Husserl, der gesagt hat, dass die entscheidenen Dinge sprachlich nicht fassbar sind. Sie sind wie ein Raum, den man kreisend umschreiben, aber nicht betreten kann.

Frage: Könnte es sein, dass Ihre Kunst diesen Raum zeigt?

Mack: In einem gewissen Sinne wage ich zu sagen: "Ja, das ist so." Und zwar, wenn die Dinge immateriell werden: Nehmen Sie eines meiner geprägten, auf Hochglanz polierten Metallreliefs. Wenn ein solches Relief richtig beleuchtet wird, dann schwebt darüber eine feine Lichtreflexion. Die flimmert wirklich räumlich über dem Blech. Es sind vielleicht nur wenige Millimeter. Aber die Lichtreflexion hebt sich vom Material ab. Sie schwebt darüber und vibriert sacht. Dieser Moment des Immateriellen, diese Intensität der Erfahrung nenne ich: "eine Schönheit".