Hirsche im Großstadtrevier

Keine vier Wochen nach der Sonnenfinsternis lässt sich in Berlin zurzeit schon wieder das nächste Naturschauspiel beobachten, nur geht es dieses Mal um Hirsche. Eine Schutzbrille braucht man dafür nicht, man sollte aber ungefähr wissen, wie das deutsche Stadttheater funktioniert: In diesem System, das noch aus der kleinstaatlichen Geschichte Deutschlands übrig geblieben ist, leistet sich jeder Fürst einen Intendanten, der dem ansässigen Bürgertum in einem dafür vorgesehenen Haus den lokalen Kunstbegriff wie einen Zuchtbullen zur Begutachtung vorführt. Die Theaterlandschaft wird dabei wie ein deutsches Waldgebiet in Reviere aufgeteilt, und wo Reviere sind, muss es auch Platzhirsche geben, sonst wären sie als Reviere ja überhaupt nicht erkennbar.

Der Intendant Claus Peymann hat der ZEIT jetzt in einem Interview erklärt, dass es in Berlin gleich zwei Platzhirsche gebe: den Volksbühnen-Intendanten Frank Castorf – und ihn selbst. Peymann wollte das Gedächtnis der Öffentlichkeit in dieser Angelegenheit auffrischen, weil Castorfs Vertrag als Intendant der Volksbühne, die er seit fast einem Vierteljahrhundert leitet, nicht über 2016 hinaus verlängert wird. Als möglicher Nachfolger ist der Belgier Chris Dercon im Gespräch, zurzeit noch Direktor der Londoner Tate Modern. Das wäre eine mutige und eine riskante Wahl und damit ziemlich genau das Gegenteil von allem, wofür die Landesregierung in Berlin normalerweise so ignoriert wird.

Peymann sieht darin allerdings einen Affront gegen das Theater insgesamt. Er unterstellt Dercon eine "Event-Kultur", womit aller Wahrscheinlichkeit nach Kommerz und Marktförmigkeit gemeint sind. In Deutschland dominiert die Auffassung, dass kritische Kunst vor dem Markt in Schutz genommen werden muss, um ihre ganze Kraft entfalten zu können. Zuletzt hat die Kulturstaatsministerin Monika Grütters diesen Grundsatz im Zuge der Proteste gegen das Freihandelsabkommen TTIP immer wieder hervorgehoben. Und es gibt gute Gründe für diese Auffassung: Anders als etwa in den USA musste in Deutschland kein Museum Bilder verkaufen, weil die Spenden reicher Mäzene ausblieben. Wenn diese Entkopplung allerdings dazu führt, dass unangreifbare Künstlerfürsten ihre Selbstgespräche irgendwann auf der Bühne austragen, während draußen vor der Tür der Kapitalismus in Rekordtempo ihre Stadt umkrempelt, werden die Theater zu Kultstätten des inneren Exils.

In diesem Sinne zahlt es sich zurzeit auch ästhetisch aus, dass die internationale Kunstwelt den Rhythmus der Geldflüsse stets mitgehen musste. Von der Welt weiß einer wie Dercon im Zweifel sehr viel mehr als deutsche Theaterbeamte, die einem Kulturstaatsekretär die Macht zuschreiben, "das Waterloo des europäischen Theaters" herbeizuführen. Oder wie Peymann es formulierte: "Nichtkenner, Nichtkönner, Nichtwisser wie der Kulturstaatssekretär Renner entscheiden künftig über das Schicksal der Kultur." Geringer kann das Vertrauen in "die Kultur" kaum ausfallen.

Die Kunst streckt ihre Fühler in alle Richtungen aus

Die Gegenwartskunst, wie sie Kuratoren wie Hans Ulrich Obrist und Chris Dercon geprägt haben, hat nicht nur auf schmerzhafte Weise gelernt, wie sich Geld und Verdrängung konkret anfühlen. Sie ist heute auch so internationalisiert, dass sie das Nebeneinander der Weltanschauungen, der Kunstbegriffe, die Ambivalenz der Bedeutungsangebote und Selbsterzählungen sehr viel klüger und selbstverständlicher verhandelt als das Gros des anti-bürgerlich-bürgerlichen Theaters in Deutschland. Sie streckt ihre Fühler in alle Richtungen aus, in die Wissenschaft, Technologie, Konsumkultur, und entwickelt so Fragestellungen, die unmittelbar mit der Zeit zu tun haben, in der wir leben.

Das kann das Theater auch, wenn es nicht von eifersüchtigen Regiefürsten kleingehalten wird. Das hat zum Beispiel Matthias Lilienthal während seiner fast zehnjährigen Intendanz am Berliner HAU bewiesen, das er 2003 übernommen hat, nachdem ihn Frank Castorf aus der Volksbühne gejagt hatte. Sein Theater leitete Lilienthal bezeichnenderweise eher wie ein Kurator als ein klassischer Intendanz-Hegemon: Er überließ das Haus Künstlern aus der ganzen Welt, hörte ihnen zu, gab ihnen den notwendigen Raum, ihre eigenen Ansätze und Formsprachen zu entwickeln, wirkte im Hintergrund und war doch unheimlich präsent.

Verlorene Illusionen

Matthias Lilienthal, der zuletzt die Münchner Kammerspiele übernommen hat, begründete diese Strategie immer wieder so: In Berlin gebe es kein Bürgertum, das die Kultur der Stadt dominiere, sondern zahllose Milieus, die sich untereinander nie begegneten. Und dieses Verhältnis müsse ein Theater eben abbilden. Es müsse Wege finden, mit so vielen Milieus wie möglich ins Gespräch zu kommen, wenn es sich mit den Lebensverhältnissen in der Globalisierung beschäftigen wolle, die sich in den Metropolen spiegeln. Dazu braucht es Varianz und Offenheit und eben genau keinen missmutigen Senioren an seiner Spitze, der die zudringliche Welt grimmig aus seinem Vorgarten jagt.

In Hans Ulrich Obrists neuem Buch Kuratieren! findet sich eine Definition von Kunst, die gewissermaßen das kunsttheoretische Äquivalent zu Oliver Kahns Diktum Immer weiter ist: Kunst sei, schreibt Obrist, das, was die Definition von Kunst erweitere. Im Umkehrschluss heißt das: Sobald etwas als Kunst erkannt wurde, ist es schon wieder nicht mehr Kunst, beziehungsweise nur noch historisch, im Kontext seiner Zeit, wobei diese Zeit dann gerade einmal die Dauer eines Aha-Effektes her ist. Auf diese Weise wird der Kunstbegriff immer weiter ins Ungefähre hinausgetrieben, bis er sich eines Tages zwangsläufig mit der objektiven Realität vollständig deckt, was – und darin liegt dann doch wieder eine gewisse Magie – natürlich niemals passieren wird.

In Berlin kollidiert dieser Kunstbegriff, der keinen Erziehungsberechtigten kennt, gerade mit der deutschen Tradition bürgerlicher Stadttheater. Und Claus Peymanns Verdienst hat dafür gesorgt, dass diese Kollision nicht geräuschlos an uns vorüberzieht. Dabei ist nicht einmal damit zu rechnen, dass die Stadttheater und ihre Intendanten dereinst verschwinden werden. Sie verlören lediglich die Illusion, dass ihr Revier nicht auch ohne ihre Vormundschaft sehr gut gedeihen könnte.