Ein großes, blaues Segelboot ankert am Kai der Insel San Lazzoro in der Lagune von Venedig. An diesem abgeschiedenen Ort hat Armenien seinen Biennale-Pavillon aufgebaut. Gerade wurde er mit dem Goldenen Löwen des Kunstfestivals ausgezeichnet. Die nach Armenien benannte Jacht am Kai gehört allerdings nicht zur Ausstellung. Das Boot sei schon lange dort vertäut, erzählt Adelina Cüberyan von Fürstenberg, die Kuratorin des Länderbeitrags, als sich ihr Vaporetto der Insel nähert. "Niemand benutzt es mehr, aber es ist ein Symbol der Ankunft", sagt sie. Der Schriftzug "Armenien" auf dem Rumpf des Schiffes ist das erste Wort, das man liest, wenn man sich der Insel nähert, die seit Jahrhunderten ein armenisches Kloster beherbergt.

Anfang Mai sind auf San Lazzoro die Werke der 16 Künstler angekommen, die Armenien auf der diesjährigen Biennale präsentieren und allesamt in der Diaspora leben. "Wir haben unseren Beitrag dem Gedenken an den Völkermord an den Armeniern vor 100 Jahren gewidmet", sagt von Fürstenberg. Und so steht es auch in ihrem Vorwort im Katalog zur Ausstellung, das den von den Osmanen verübten Genozid sonst aber nicht weiter erwähnt. Als Trauma der armenischen Geschichte ist dieser in den Werken jedoch auf unterschiedliche Weise präsent.

Im Park gleich hinter dem Anleger schallen Namen aus im Gras stehenden Lautsprechern. Der Künstler Mekhitar Garabedian hat seinen Vater gebeten, alle Menschen aufzuzählen, an die er sich erinnern kann. Er beginnt mit seinen Vorfahren und erwähnt auch die Leute, die er erst später kennengelernt hat. Westeuropäisch klingende Namen wie Jaqueline lassen erahnen, dass die aus Armenien stammende Familie umgesiedelt ist. Der 1977 in Aleppo geborene Garabedian lebt in Belgien.

Bunt sind ihre Identitäten

Wie dieses befassen sich viele der ausgestellten Werke mit der Geschichte von Armeniern. Die vertretenen Künstler entstammen verschiedenen Generationen. Sie alle leben nur, weil ein Teil ihrer Vorfahren den Völkermord überlebt hat. Flucht, Vertreibung und freiwillige Umzüge haben sie in alle Welt verstreut – entsprechend bunt sind ihre Identitäten. "Es geht um die Kreativität der armenischen Diaspora. Deshalb habe ich Künstler aus der ganzen Welt ausgewählt, aus Deutschland, dem Nahen Osten, Brasilien und so weiter", sagt die Kuratorin.

Der Völkermord geschah während der Anfangsjahre des Ersten Weltkrieges. Schätzungen gehen davon aus, dass das Osmanische Reich, Vorläufer der Türkei, den Tod von bis zu 1,5 Millionen Armeniern zu verantworten hatte. Dennoch macht von Fürstenberg der Türkei keinen Vorwurf, weil deren offizielle Vertreter nicht von einem Völkermord sprechen mögen. "Diese Ausstellung ist keine Attacke, es gibt keine Aggressivität, kein politisches Statement. Es sind nur persönliche Stellungnahmen", sagt von Fürstenberg.

Da ist zum Beispiel die umfangreiche Arbeit von Nigol Bezjian, der sich dem Werk des armenischen Poeten Daniel Varoujan widmet, der im Alter von nur 31 Jahren in Aleppo dem Genozid zum Opfer fiel. Bezjian lässt in Filmen Literaturkritiker, Schauspieler und andere über Varoujan erzählen und zeigt die Erstausgabe eines seiner bekanntesten Gedichte. So macht er deutlich, dass mit jedem Mensch, der dem Völkermord zum Opfer fiel, auch ein Talent umgekommen ist.