Als Kind ist Banksy im Sommer oft in Weston-super-Mare gewesen, einem verwitterten Badeörtchen im Südwesten Englands, etwa eine Autostunde von Bristol entfernt. In den dreißiger Jahren stand in diesem Städtchen mal der größte Sprungturm Europas, im Jahr 2015 findet hier immerhin noch das größte Kulturkritik-Festival des Jahres statt. Auf dem Gelände des örtlichen Freibades hat Banksy einen Freizeitpark gebaut und ihn nach dismal, dem englischen Wort für trostlos, Dismaland genannt. 

Dismaland muss man sich als eine Art Anti-Disneyland vorstellen, ein spöttischer, runtergerockter Gegenentwurf zu der zuckerwattrigen Fabelwelt-Kulisse des US-Konzerns, in Szene gesetzt von rund 50 Künstlern aller Disziplinen aus beinahe 20 Ländern, darunter Namen wie Damien Hirst, Jenny Holzer, Jimmy Cauty und David Shrigley. Und die erste Wahrheit lautet: Banksy ist der einzige lebende Künstler, der so eine Remmidemmi-Ausstellung aufziehen kann. Die Schlange vor dem Haupttor ist Hunderte Meter lang. Im Internet wechseln die Tickets, die eigentlich drei Pfund kosten, für Unsummen die Besitzer.

Vorab ließ Banksy in einem Gespräch im englischen Guardian verlautbaren, das größere Thema von Dismaland bestehe darin, dass Themenparks größere Themen bräuchten. Im Programmheft zitiert er etwas schwülstig Bertolt Brecht: "Kunst ist nicht ein Spiegel, den man der Wirklichkeit vorhält, sondern ein Hammer, mit dem man sie gestaltet." Was aber, wenn man sich in einem Spiegelkabinett befinde und der Hammer aus Schaumstoff sei? Banksy: "Genau diese Frage stellt Dismaland."

Märchenschloss und Schießbuden

Besonders originell ist diese Ausgangslage nicht. Soll sie aber vielleicht auch gar nicht sein, schließlich ist Dismaland mindestens zur Hälfte auch ein Vergnügungspark: Es gibt hier unter anderem ein Riesenrad, ein Kinderkarussell, ein Märchenschloss, mehrere Schießbuden und ein Kasperletheater. Die kulturkritischen Künstler entlarven diese Stationen dann jeweils als Insignien der Blödheit, als Codes für ein vom Konsumverhalten fremdgesteuertes Leben.

In der allerersten Installation direkt am Haupteingang geht es zum Beispiel darum, wie lemminghaft der Mensch auf vertraute Bilder reagiert: Der kalifornische Künstler Bill Barminski hat einen Sicherheitsbereich komplett aus Pappe entworfen, in den sich die Besucher artig einreihen, als ob der zusammengeleimte Karton-Metalldetektor tatsächlich anschlagen könnte. "Routine", sagt Barminski, der neben seinem Kunstwerk das gedankenlose Treiben der Besucher betrachtet, "verleiht uns ein falsches Gefühl der Sicherheit."

Viele andere Arbeiten sind allerdings nicht so clever, wie sie gern wären: Im Galeriebereich lässt Banksy einen Sensenmann im Autoscooter zu Bee-Gees-Klassiker Staying Alive tanzen. Im Inneren des Märchenschlosses hat er Cinderella nach einem Unfall tot in ihrer Pferdekutsche drapiert, während die Blitzlichter einer Schar Paparazzi die Szene ausleuchten. Das soll an Princess Dianas Crash in Paris erinnern, ist jedoch in erster Linie ziemlich unraffiniert. Ernsthaft trostlos ist Dismaland deshalb immer auch dann, wenn dem Besucher halbgare Kunst serviert wird: An einer Bude Quietscheentchen aus einem Ölteppich zu angeln, dürfte selbst BP, Shell & Co. nicht mehr als ein müdes Lächeln entlocken.