Ganz großes Kino. Blitze durchzucken die Nacht, beleuchten dramatisch die Dunkelheit. Engel mit schweren, schwarzen Flügeln schweben herbei und umtanzen mit ihren Instrumenten die künftige Muttergottes, die gerade dem Heiligen Geist in Gestalt einer Taube entgegenfährt. Die Unbefleckte Empfängnis mal nicht als Tête-à-Tête zwischen Maria und einem Engel im stillen Kämmerlein, sondern in vertikalem Cinemascope mit gloriosen Farben, knalligem Blau, grellem Rot und kräftigem Gelb.

El Greco reißt in seinem 3,48 mal 1,74 Meter großen Monumentalbild Immaculata Oballe, das eher dem Typus Mariä Himmelfahrt gleicht, den Betrachter gleich mit in die Höhe und bedient sich dabei eines Tricks. Die Füße des unteren Engels befinden sich noch vor dem Blumenstillleben am unteren Bildrand, der die Sphäre des Betrachters markiert. Willkommen in der Welt der Glaubenseiferer und exaltierten Katholiken, willkommen bei den Heiligen und Königen, willkommen im Goldenen Zeitalter Spaniens.

Die Berliner Gemäldegalerie hat mit der Sommerausstellung El Siglo de Oro ihren großen Auftritt. Nach der Botticelli-Schau wird erneut die riesige Wandelhalle bespielt, durch geschickt eingezogene Stellwände für einen grandiosen Parcours präpariert. Damit auch die Außenwelt von diesem Kraftakt der Staatlichen Museen erfährt, steht auf dem Dach des Kulturforums ein riesiger goldener Reifen, das Ausstellungssignet. Was hilft’s. Er müsste noch größer sein, denn auf dem Vorplatz fragen zwei herumirrende Touristinnen, wo denn die "pinacoteca" sei. Einfach nur geradeaus. Der Gemäldegalerie möchte man einen Erfolg wünschen wie vor fünf Jahren ihre meistbesuchte Ausstellung Gesichter der Renaissance, die allerdings auf der Museumsinsel in Mitte zu sehen war.

Demonstration europäischer Zusammenarbeit

El Siglo de Oro nimmt es allemal mit ihr auf. Erneut werden Bilder und Skulpturen aufgefahren, dass einem Sehen und Hören vergeht. In der gemeinsam mit dem Prado erarbeiteten Schau kommen spektakuläre Leihgaben aus allen großen Häusern Europas zusammen, die staunen machen: 135 Werke aus über sechzig öffentlichen und privaten Sammlungen.

Der Louvre in Paris, das Rijksmuseum Amsterdam, das Wiener Kunsthistorische Museum, das Statens Museum in Kopenhagen beteiligen sich und liefern damit eine Demonstration europäischer Zusammenarbeit, deren bittere Notwendigkeit in diesen Tagen wieder deutlich wird. Denn zu den Bilderreisen gehören Zollerklärungen, Frachtbestimmungen, freies Geleit für Expediteure, die das Reglement der EU erleichtert. Auch britische Sammlungen gaben großzügig Werke; welche Folgen hier der Brexit hat, wird man sehen, auch für die Forschung, die Kuratoren. Ohne einander geht es eigentlich nicht. El Siglo de Oro führt zwar den spanischen Barock vor, gesammelt aber wird international.

Umso mehr erstaunt, dass Spaniens Goldenes Zeitalter außerhalb des Landes bislang keine Würdigung fand. Zum ersten Mal seit fünfzig Jahren zeigt das Berliner Kupferstichkabinett in einem Saal wieder seine hervorragenden Bestände an Zeichnungen jener Zeit. Gewiss, den großen Meistern El Greco, Murillo, Velázquez, Zurbarán wurden Einzelausstellungen gewidmet, zusammen waren sie jedoch nie zu sehen, schon gar nicht mit weniger bekannten Künstlern des Landes.

El Siglo de Oro leistet Nachholarbeit und erinnert gleich im Entree daran, dass Spanien einst eine Weltmacht war, die sich auf fünf Kontinenten ausgebreitet hatte. Das erklärt die Sammellust, die Bildergier ihrer Könige, die Bestätigung nicht nur als militärische Herrscher und wirtschaftliche Potentaten suchten, sondern auch durch Kunst Selbstdarstellung betrieben. Philipp IV. soll seinen Palast mit mehr Gemälden gefüllt haben als ganz Paris damals besaß, wie Zeitzeugen damals berichteten.

Die Kirche betrieb Propaganda mit den Bildern

Der gleichen Mittel, der Malerei und Skulptur, bediente sich auch die Kirche, um gegenreformatorische Propaganda zu betreiben: Da fließen gläserne Tränen das Antlitz der Heiligen herab, strömt das Blut plastisch aus den Wunden des Gekreuzigten, der zum Greifen nah aufgebahrt liegt, besitzen die biblischen Darsteller höchst realistische Züge, als wären sie Menschen von nebenan. Hingebungsvoll umarmt etwa bei Francisco Ribalta der Heilige Franziskus den Gekreuzigten, als trennte sie nicht Zeit und Raum.

El Siglo de Oro liefert ein Wechselbad der Gefühle, mal wird höfische Grandezza, mal Seelenpein gespielt. Die Ausstellung überzeugt jedoch nicht durch Emotionalität, sondern durch ihre kluge Inszenierung, die von dem Besucher, der zwischen den verschiedenen Städten, Schulen, Künstlerclans hin- und herspringen muss, einiges abverlangt.