Fotokunst von Michel Houellebecq: das Werk "Tourisme #01" © Palais de Tokyo

Michel Houellebecq ist ein Schriftsteller, der sich immer mit dem Vorwurf auseinandersetzen musste, eigentlich nicht schreiben zu können, ohne dass das jemals ein ernsthaftes Problem gewesen wäre: "Die erste – und praktisch einzige – Bedingung für einen guten Stil, liegt darin, etwas zu sagen zu haben." Houellebecq wiederholte diesen Schopenhauer-Satz in Interviews so lange, bis ihm niemand mehr die dazugehörige Frage stellte.

Houellebecqs Romane gehen von der Grundannahme aus, dass die Moderne die Geschichte eines schleichenden Niedergangs sei. Seit sich die Menschen von Gott und seiner Ordnung losgesagt haben, wurde ihr Leben zwar immer angenehmer, sicherer, gesünder. Allerdings auch immer sinnloser: Der Individualismus isoliert den Einzelnen, der Konsumismus wendet alles Ideelle ins Materialistische, und das soziale Bewusstsein der Achtundsechziger hat auch nicht viel mehr hervorgebracht als die Idee vom Menschen als Bedarfsfall.

Obwohl er anfangs als Provokateur und Misanthrop firmierte, war Michel Houellebecq von Anfang an ein konservativer Autor, dem es um inneren Frieden und Harmonie ging. Und dafür, dass dieser Frieden in Europa nicht mehr im Angebot war, hatte er früh einen Hauptschuldigen ausgemacht: die kommerzialisierte, postideologische westliche Kultur.

In den Romanen geht es meistens um Figuren, die dieser Kultur trotzdem wenigstens einen einzigen Moment abringen wollten, in dem sie nicht rasend unglücklich sind. Bloß haben sie gegen die Lustfeindlichkeit der Gegenwart in der Regel keine Chance. Sie werden zu Triebtätern und Sextouristen, sie besuchen Swingerclubs und Nudistenkolonien. Sie trugen schwerste Verletzungen mit sich herum, lecken aber nicht ihre Wunden, sondern einander, was bei Houellebecq ungefähr das Gleiche ist.

Seit Neuestem gibt es diesen Kosmos nicht mehr nur in Romanen, sondern auch in Ausstellungshäusern zu begutachten: In Zürich ist gerade Houellebecqs Beitrag zum Kunstfestival Manifesta zu sehen, für den er sich von dem Mediziner Henry Perschak einmal komplett hat durchleuchten lassen, um die Messdaten und Röntgenbilder auszustellen. Ergebnis: Michel Houellebecq geht es soweit gut, der Arzt hat keine Einwände, was angesichts der drei, vier Schachteln Zigaretten pro Tag, die der Autor seit Jahrzehnten raucht, durchaus auch eine Nachricht ist. Das Thema der Manifesta ist die Berufswelt und es ist nicht eben unwahrscheinlich, dass Michel Houellebecq auch deshalb teilgenommen hat, weil einer seiner Protagonisten, der Fotograf Jeb Martin aus Karte und Gebiet, mit einer Serie über Berufe berühmt geworden ist.

Wir dürfen uns Michel Houellebecq als gesunden Mann vorstellen. Ein Bild mit dem Titel "Mission #020" © Palais de Tokyo

Von und über Houellebecq

Auf diese Interferenzen zwischen fiktionaler und realer Welt kommt es auch in der ersten großen Einzelausstellung von Michel Houellebecq an, die jetzt im Palais de Tokyo in Paris eröffnet. Die Schau heißt Rester Vivant (Lebendig bleiben), wie eine der allerersten Veröffentlichungen des Schriftstellers, besteht zur einen Hälfte aus Arbeiten über Michel Houellebecq, zur anderen aus Arbeiten von Michel Houellebecq und behandelt die vertrauten Themen.

Am Anfang geht es um die Verheerungen, die Kapitalismus, Bürokratismus und Liberalismus in Frankreich angerichtet haben: Zu sehen sind Fotos menschenfeindlicher Blockarchitektur in den Vororten, von Verbotsschildern an leeren Stränden, von einem grauen Schriftzug aus Beton, der den Namen einer Shoppingmall verkündet: "Europe". Es werden Luftaufnahmen gezeigt, die die Art und Weise nachahmen, wie Drohnen die Welt sehen, und es gibt einen menschlichen Schädel, der in leeren Coladosen aufgebahrt ist. Besonders subtil ist das alles nicht, soll es vermutlich aber auch nicht sein. Im ersten Drittel der Ausstellung geht es um frontale Apokalyptik: Europa ist hier in einem so kritischen Zustand, dass man ihm vielleicht einen Gefallen tun würde, wenn man die lebenserhaltenden Geräte einfach abschaltet.