In einem Raum wird die politisierte Sechzigerjahre-Ästhetik der freien Liebe mit Nacktbildern illustriert, wie sie sich auch Fabrikarbeiter in den Spint hängen. Wir sehen ein bieder eingerichtetes Wohnzimmer, in dem ein Hochglanz-Softporno im Fernseher läuft und den Nachbau einer verrauchten Vorstadtkneipe, in dem man tatsächlich rauchen darf, sowie Fotos der trostlosen touristischen Infrastruktur Spaniens. Alles sieht ziemlich genau so aus, wie in Michel Houellebecqs Romanen, nur ein bisschen abgegriffener.

Wer kennt diesen Mann? Der Schriftsteller Michell Houellebecq mit seinem Welsh Corgi namens Clément © Palais de Tokyo

Dann gibt es aber noch einen holzvertäfelten Raum, der ganz seinem 2011 verstorbenen Welsh Corgi gewidmet ist. Und spätestens hier passiert doch noch etwas. In diesem Raum hängen zahllose Aufnahmen aus dem Leben des Schriftstellerhundes: Clément in Irland, Clément in den Bergen, Clément im Garten am Pool. Auf einigen Bildern ist auch Houellebecq selbst neben seinem Hund zu sehen, und er sieht er darauf so glücklich aus, dass man ihn kaum erkennt. Es gibt sogar Aquarelle von Clément und Michel Houellebecq, die Marie-Pierre Gauthier gemalt hat, die Ehefrau des Autors.

Das wäre nun allerdings wirklich die Höhe: Läuft Michel Houellebecqs Marsch durch die Institutionen am Ende etwa darauf hinaus, dass er ein glückliches Leben führt? Lief es vielleicht sogar von Anfang an darauf hinaus? Möglicherweise: Seine Figuren sind immer mit ihm mitgewachsen. Je erfolgreicher der Schriftsteller Michel Houellebecq in den vergangenen 25 Jahren wurde, desto erfolgreicher waren auch seine Figuren. Am Anfang waren sie kleine Angestellte und Lehrer, später international erfolgreiche Künstler und Universitätsdozenten.

Erlösung in der Gemütlichkeit

Und mit den Berufen und dem sozialen Umfeld wandelten sich auch die Sublimierungsstrategien. Sie wurden elaborierter und konventioneller, je stärker die Protagonisten im Establishment verankert waren: Der Fotograf Jeb Martin in Karte und Gebiet wird mit Bildern über Berufe reich und entscheidet sich schließlich, nur noch Pflanzen zu fotografieren. Und François, der isolierte, gehemmte, erfolglose Literaturwissenschaftler aus Unterwerfung, löst sich von der degenerierten westlichen Kultur, die ihm nichts mehr anzubieten hat, indem er zum Islam konvertiert.

Während die Figuren in Houellebecqs früheren Romanen ihr Seelenheil also in Sex und Gewalt suchten, wandten sie sich in den späteren Büchern der Kunst und Religion zu. Die Form des Widerstandes ändert sich, er wird stiller und fundamentaler. Vermutlich ist Houellebecq diese Bewegung bewusst: In Unterwerfung schreibt der Protagonist François an einem Buch über den französischen Autor Joris-Karl Huysmans, der eine sehr ähnliche Entwicklung durchgemacht hat.

Das Hundezimmer im Palais de Tokyo ist jetzt der nächste Schritt: Auf der Suche nach Harmonie und Erlösung ist die öffentliche Figur Michel Houellebecq auf die Gemütlichkeit gestoßen. Er hat jetzt eine Ehefrau, ein Häuschen, einen Hund – und er könnte zufriedener nicht sein. Das ist der vorläufige Schlusspunkt, die letzte Wahrheit, das Hautgout einer Schriftstellerkarriere. Hätten wir das nur früher gewusst.