Als Wassily Kandinsky 1910 zur Kahnfahrt aufbricht, leuchtet der Himmel über dem Staffelsee lila. Die Berge formieren sich zu einem blauen Zackenband, darüber legt sich ein Streifen Orange. Der See wirkt still, die Ausflügler – neben dem russischen Maler noch die Künstlerin Marianne von Werefkin und Andreas, der Sohn Alexej von Jawlenskys, – schauen direkt aus dem Bild. Dorthin, wo Gabriele Münter steht, um das Dreifachporträt festzuhalten. Verwendet sie dafür schon hier, unter freiem Himmel, Pinsel und Farbe? Oder hält sie die Szene erst einmal mit der Kamera fest, die ihr seit Langem vertraut ist? Und wer rudert eigentlich den Kahn? Man sieht eine zweite weibliche Figur, allerdings bloß in Rückenansicht. Die Haare sind unter einem großen, blauen Hut verborgen. Vielleicht hat Münter sich auf diese Weise selbst im Bild verewigt. Die Malerin inmitten ihrer Freunde – anwesend, doch ohne Gesicht. Sie lenkt das Boot anonym.

Die Legende des Gemäldes, das vom Milwaukee Art Museum für die Soloschau Gabriele Münter – Malen ohne Umschweife an das Münchner Lenbachhaus verliehen wurde, schweigt dazu. Die vierte Gestalt bleibt ungenannt, obwohl es naheliegt: Münter komplettiert das Quartett. Ihr Verhältnis mit Kandinsky, die Freundschaft zu von Werefkin und Jawlensky in jenen Jahren ist so eng, dass eine andere Frau hier keinen Platz hat. In jedem Fall aber bildet die Kahnfahrt mit ihrer symbolhaften Konstellation die gängige Version der Geschichte überaus gut ab: Kandinsky, der künstlerische Visionär, thront stehend auf dem Boot. Die beiden Malerinnen ordnen sich sitzend unter. Bis in die Fünfzigerjahre hätte man die Szene vielleicht noch ohne Vorurteil interpretiert. Doch je größer der Ruhm des russischen Malers und Kunsttheoretikers wurde, desto weniger Platz blieb den anderen im Kosmos der Avantgarde.

Dieser Artikel stammt aus der "Weltkunst" Heft Nr. 135/2017. © Weltkunst Verlag

Die große Ausstellung über Gabriele Münter im Münchner Lenbachhaus wird dieses Kräfteverhältnis wieder verändern. Sie resultiert aus der Arbeit am Werkverzeichnis der Gemälde, versammelt rund 140 Arbeiten, von denen manche seit dem Tod der Künstlerin 1962 nicht mehr öffentlich zu sehen waren. Darunter befinden sich Leihgaben aus internationalen Sammlungen. Zugleich stellen die beiden Kuratoren, Isabelle Jansen und Direktor Matthias Mühling, eine Frau vor, die sich stets auf der Höhe des Diskurses befand, ihren Stil immer wieder kritisch reflektierte und bestens im Kunstbetrieb vernetzt war. Wie es dazu kommen konnte, dass Münter stets in Kandinskys Schatten stand, erklärt im Katalog die Kunsthistorikerin Karoline Hille. Sie hat Münters Leben erforscht und sieht um 1916 noch die "schöpferische Begabung der Künstlerin im Mittelpunkt". Drei Jahrzehnte danach geht es bloß noch um biografische Daten. Gabriele Münter schrumpft zu Kandinskys gelehriger Schülerin, obwohl von ihm der Satz stammt, er könne ihr nichts beibringen: "Du hast alles von Natur."

1903 verlobt sie sich mit ihrem Lehrmeister. Zusammen reisen sie nach Frankreich, Belgien, Holland, Tunesien. Ein Brief von Marianne von Werefkin bringt das Paar 1908 nach Murnau. Es folgen diverse Aufenthalte, bevor Münter im folgenden Jahr dort ein Haus erwirbt. "Nirgends hatte ich eine solche Fülle von Ansichten vereint gesehen, wie hier in Murnau, zwischen See und Hochgebirge, zwischen Hügelland und Moos", notiert sie später in ihren Erinnerungen. Auch andere Künstler fühlen sich vom Licht und der Unberührtheit angezogen. Maler wie Franz Marc oder August Macke sind Gäste in Münters Haus.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zwingt Wassily Kandinsky nach Russland zurück. Dort heiratet der Maler 1917 heimlich Nina Andreevskaja und verweigert anschließend jeden Kontakt zu seiner langjährigen Lebensgefährtin. Als er sich später um jene Arbeiten bemüht, die er in Murnau zurückgelassen hatte, beißt er bei Münter auf Granit: Nach einem langen Rechtsstreit rückt die Künstlerin ein paar Werke heraus. Das Gros jedoch übergibt sie zusammen mit eigenen Bildern und weiteren von Künstlern der expressionistischen Gruppe Blauer Reiter zu ihrem 80. Geburtstag als Stiftung an die Städtische Galerie im Lenbachhaus. Nun gilt Münter als Retterin des wichtigen Frühwerks von Kandinsky.

Im Lenbachhaus arbeitet man also auch an der Geschichte des eigenen Hauses, wenn zu Münters 140. Geburtstag und zum 60. Jubiläum ihrer Schenkung die Rezeption neu justiert wird. Kandinsky spielt bloß dort eine Rolle, wo er wichtig für Münters Entwicklung ist. So favorisiert der Maler die Freiluftmalerei als Teil des Unterrichts für seine Klasse. Im Sommer 1902 fährt man deshalb von München aus gemeinsam aufs Land, wo Münters erste Gemälde entstehen. Ihre Auseinandersetzung mit Jawlenskys Expressionismus und Kandinskys Abstraktion ist immer wieder Thema. Dennoch verliert die Schau im Lenbachhaus Münters facettenreiches Werk nie aus den Augen. Statt es auf die Zeit des Blauen Reiter einzuschränken, wird die Künstlervereinigung zu einem von vielen Kapiteln. Darüber hinaus lernt man Gabriele Münter als Künstlerin kennen, die unter dem Einfluss des Spätimpressionismus zu malen beginnt, ihre Formensprache immer mehr reduziert und der Farbe bald die wichtigste Rolle gibt. Je stärker sie sich vom reinen Naturalismus löst, desto vielschichtiger und autonomer werden die Motive. Sie räumt auf in ihren Sujets, macht sie einfacher und flächiger wie im Blick aufs Murnauer Moos von 1908, wo der Blick auf zwei Schuppen, eine Wiese und einen bewaldeten Hügel fällt. Die Künstlerin erobert sich auch die Natur, streift mit kleinen Pappen und Pinsel durch die Landschaft und fängt das einzigartige Leuchten der oberbayerischen Landschaft ein: in violetten Wänden, einem Dach in Orange, flammenden Herbstbäumen und roten Tupfen auf dem Feld, die wie Signale alles überstrahlen.