"Das Versteckspiel ist definitiv vorbei" – Seite 1

ZEIT ONLINE: Im Fall Gurlitt gab es viel Kritik an den deutschen Behörden wegen des Umgangs mit den Funden in München und Salzburg: Er sei sehr wenig effektiv und sehr intransparent gewesen. Nun gibt es die Ausstellungen in Bonn und Bern. Wie denken Sie darüber?

Ronald Lauder: Nach all den Kontroversen um Gurlitts Erbe und den noch vielen unerforschten Kunstwerken war ich skeptisch, ob eine Gurlitt-Ausstellung die richtige Entscheidung war. Mittlerweile habe ich das Konzept gesehen und begrüße die Entscheidung, sich auf die Opfer und ihre Geschichten zu konzentrieren. Wenn die Ausstellung dazu beiträgt, ein Bewusstsein für das Thema und Verständnis für das Schicksal der Antragsteller zu schaffen, wäre viel erreicht.

ZEIT ONLINE: Hätte der Schritt in die Öffentlichkeit früher erfolgen müssen?

Lauder: Wegen des internationalen Medienansturms hatte der Gurlitt-Fall eine bis dahin unbekannte Dimension erreicht. Einige in der Anfangsphase getroffene Entscheidungen haben – leider – gezeigt, dass sich so mancher davor scheute, die notwendigen Schritte anzugehen. Deshalb ist es jetzt umso wichtiger, dass die Ausstellung das Schicksal der Opfer in den Vordergrund rückt und zeigt, dass der Fall Gurlitt nur die Spitze des Eisbergs ist. Unzählige Opfer und deren Erben sind noch immer auf der Suche nach ihrem rechtmäßigen Eigentum. Es ist noch ein langer Weg, bis das Thema NS-Raubkunst ein für alle Mal geklärt sein wird.

ZEIT ONLINE: Was sagt das, 20 Jahre nach der Washingtoner Konferenz, über die Haltung von staatlichen Museen zum Thema Nazi-Raubkunst und der Frage nach Restitution aus?

Lauder: Der Fall Gurlitt war das Ergebnis grober Fahrlässigkeit und gewissermaßen vorsätzlicher Unkenntnis auf dem Gebiet der Provenienzforschung und NS-Raubkunst in Deutschland. Wir sprechen hier von jahrzehntelangem Versagen. Und trotz all der Warnungen gibt es noch immer viele Institutionen, die meinen, sie bräuchten sich der Vergangenheit, so unangenehm diese auch sein mag, nicht zu stellen. Dem Misstrauen der Opfer und ihrer Erben gegenüber den vorherrschenden Strukturen kann nur mit Transparenz begegnet werden – und mit der Bereitschaft, Dinge zu verändern. Dank der Bemühungen von Staatsministerin Monika Grütters hat sich die Situation während ihrer Amtszeit zum Besseren gewendet.

ZEIT ONLINE: Was hat sich verändert und wo gibt es noch Änderungsbedarf?

Lauder: Staatsministerin Grütters hat in den vergangenen vier Jahren wichtige Veränderungen angestoßen. Es entstehen professionelle Strukturen – das ist eine erfreuliche Entwicklung. Sie hat die finanziellen Mittel für die Forschung aufgestockt und mit der Reform der Limbach-Kommission begonnen. Wir dürfen uns aber nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen. Wir brauchen nach wie vor Anreize für Privatsammlungen, und die Reform der Limbach-Kommission muss fortgesetzt werden, um ein ordnungsgemäßes Verfahren für die Opfer und ihre Erben sicherzustellen. Und um allgemein die Transparenz zu erhöhen, muss die Digitalisierung von Forschungsergebnissen sowie die Ausbildung von Nachwuchswissenschaftlern gefördert werden.

ZEIT ONLINE: Sind die Archive deutscher Museen so zugänglich, wie es 1998 versprochen wurde? Und gibt es eine proaktive Suche nach Nazi-Raubkunst?

Lauder: Man bricht verkrustete Strukturen nicht einfach schnell über Nacht auf. Es gibt noch immer Museen und Sammlungen, die keine Provenienzforschung betreiben. Und leider sind auch die Archive noch immer nicht in dem Maße zugänglich, wie sie es eigentlich sein sollten. Einige Institutionen ziehen es vor, sich hinter Datenschutzverordnungen zu verstecken. Aber es gibt auch Museen und Sammlungen, die nicht das Geld haben, transparente Archive aufzubauen. Denn öffentliche Förderung konzentriert sich nur auf die Forschung und nicht auf den Aufbau von Archiven. Für Provenienzforschung ist der Zugang zu Forschungsergebnissen aber unerlässlich. Diese Lücke muss geschlossen werden.

ZEIT ONLINE: Teilen Sie die Einschätzung, dass der Fall Gurlitt das öffentliche Bewusstsein für die Tatsache, dass immer noch Familien – meist jüdische – auf der Suche nach ihrem Eigentum sind, geschärft hat?

Lauder: Auf jeden Fall. Millionen von Menschen hatten plötzlich verstanden, dass, Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg, das Problem im Umgang mit NS-Raubkunst noch immer existiert und einige der Profiteure dieser Verbrechen noch immer unter uns leben. Der Druck auf jene, die sich der Vergangenheit noch nicht gestellt haben, hat zugenommen. Das Versteckspiel ist definitiv vorbei. Dennoch ist das nicht der Zeitpunkt, stehen zu bleiben und mit dem Finger auf andere zu zeigen. Wir müssen vorankommen und Familien dabei unterstützen, ihr rechtmäßiges Eigentum wiederzuerlangen.

"Es geht hier nicht ums Geld"

ZEIT ONLINE: Obwohl sie ein privates Museum ist, hat die Neue Galerie in New York, deren Besitzer Sie sind, im vergangenen Jahr ein Gemälde von Karl Schmidt-Rottluff restituiert. Wie sicher konnten Sie sich sein?

Lauder: Gemeinsam mit den Erben von Alfred und Tekla Hess hatten wir uns darauf geeinigt, die Provenienz des Kunstwerks gründlich zu erforschen. Haben wir alles lückenlos aufklären können? Natürlich nicht, das kommt so gut wie nie vor. Die plausibelste Erklärung war aber, dass die Enteignung das Ergebnis von Verfolgung durch die Nationalsozialisten war. Gemeinsam mit den Erben haben wir daraufhin eine gerechte Lösung auf Basis der Washingtoner Prinzipien gefunden. Die Neue Galerie hat das Gemälde restauriert und zu einem fairen Marktwert zurückgekauft. Ich habe mich sehr gefreut, dass die Erben anschließend den transparenten und fairen Restitutionsprozess gelobt haben. Und ich glaube, sagen zu können, dass dies ein Best-Practice-Beispiel ist, an dem sich andere Museen und private Sammler orientieren können.

ZEIT ONLINE: Die Rückgabe war freiwillig, weil es für private Eigentümer von Nazi-Raubkunst noch immer keine Verpflichtung gibt, den rechtmäßigen Eigentümern ihre Werke zurückzugeben. Wird es dafür jemals eine Lösung geben?

Lauder: Sowohl private als auch staatlich finanzierte Sammlungen müssen sich ihrer moralischen Verpflichtung stellen und alle notwendigen Schritte unternehmen. Aber ich befürchte, dass private Sammlungen dafür mehr Anreize brauchen werden. Für mich ist das eine der wichtigsten Aufgaben der jetzigen und auch der künftigen Bundesregierung. Ich plädiere dafür, dass alle relevanten Akteure – die Bundesregierung, das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste, die Opferorganisationen – hier eng zusammenarbeiten. Zwar müssen private Sammlungen einerseits die notwendige Unterstützung erhalten, die sie für die Forschung und die Verhandlungen mit den rechtmäßigen Eigentümern benötigen. Andererseits müssen Privatsammler aber auch verstehen, dass eine Sammlung nicht nur weniger wert ist, wenn sie geraubte Kunst enthält, sondern dass sie sich dem Problem früher oder später werden stellen müssen. Es wird nicht verschwinden.

ZEIT ONLINE: Was halten Sie von einem öffentlichen Fonds – vielleicht mit Unterstützung der Kunsthändlerverbände –, um den finanziellen Verlust auszugleichen, den Privatsammler erleiden, die ihre Werke zurückgeben möchten? Manchmal handelt es sich bei ihnen ja um Besitzer, die mit dem ursprünglichen Raub gar nichts zu tun haben.

Lauder: Ich begrüße es, wenn öffentliche Gelder zur Verfügung gestellt werden, um private Sammlungen bei Provenienzforschung zu unterstützen. Provenienzforschung ist notwendig und nützt allen. Ich sehe aber keine praktikable und öffentlich vertretbare Lösung für die Entschädigung privater Sammler mit Steuergeldern. Stattdessen sollten private Sammler die Verantwortung für ihre Sammlungen übernehmen. Keine Provenienzforschung zu betreiben, dafür gibt es keine Entschuldigung mehr.

ZEIT ONLINE: Deutsche Behörden haben bei Cornelius Gurlitt auch Zehntausende Dokumente gefunden, darunter Quittungen, Briefe, Kataloge, Gutachten und Fotos. Sollten diese Unterlagen ohne Einschränkungen im Internet veröffentlicht werden?

Lauder: Das Material, das für die Kunstwerke relevant ist, muss veröffentlicht werden. Jeder Provenienzforscher wird Ihnen sagen, dass er nur dann seine Arbeit erledigen kann, wenn die dafür notwendigen Dokumente öffentlich zugänglich sind. Das heißt auch, dass sowohl die Publikation von Dokumenten als auch die Digitalisierung mehr denn je Priorität haben müssen. Vor allem die Digitalisierung kann zu einem unverzichtbaren Werkzeug werden, um vollständige Transparenz zu erreichen und eine effektive Provenienzforschung zu ermöglichen. Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste muss dafür Sorge tragen, dass eine gut funktionierende Datenbank der Sammlungen und Bestände von Museen Priorität erhält.

ZEIT ONLINE: Was erwarten Sie von den Ausstellungen in Bonn und Bern?

Lauder: Ich hoffe, dass die Besucher zwei Dinge verstehen werden. Erstens: Es geht hier nicht ums Geld. Es geht um moralische Verpflichtungen, die Museen und Sammlungen erfüllen müssen. Und zweitens: Der Fall Gurlitt und die Ausstellungen sind nur ein kleiner Teil des großen Ganzen. Es liegt noch viel Arbeit vor uns.

Dieses Interview ist in einer Kurzfassung in der ZEIT Nr. 45/2017 erschienen.