ZEIT ONLINE: Frau Ackermann, dass die breite Öffentlichkeit so heftig über Kunst und ihre zeitgemäße Präsentation streitet wie dieser Tage, das gab es seit Jahren nicht mehr. Halten Sie die Diskussion für notwendig?

Marion Ackermann: In ihrer Vielschichtigkeit ist sie nur zu begrüßen. Es wurde Zeit, dass unsere Museen damit beginnen, Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter und Publikum für bestimmte Themen zu sensibilisieren. Denken Sie nur an den Umgang mit der Kolonialzeit. Kann im Titel eines Gemäldes der Begriff "Neger" stehen bleiben, auch wenn er in der Vergangenheit verwendet wurde? Wir wissen noch nicht einmal, wie einige Stücke unserer berühmten Elfenbeinsammlung nach Sachsen kamen. Auch diese Sammlung birgt Potenzial für einen Generationenkonflikt.

ZEIT ONLINE: Woran erkennen Sie das?

Ackermann: Unsere jüngeren Mitarbeiter haben eine Debatte angeschoben, ob wir unser Elfenbein weiter unkommentiert ausstellen können. Die älteren sehen eher die ästhetische und keine ethische Fragestellung. Kinder wiederum stellen bei Führungen erschrocken fest, dass dafür Elefanten getötet worden und heute vom Aussterben bedroht sind. All diese Debatten haben erst vor drei, vier Jahren an Fahrt aufgenommen. Seit einigen Monaten folgen nun große Gesten und auch Taten.

ZEIT ONLINE: Welche zum Beispiel?

Ackermann: Die Museen fangen an, menschliche Gebeine zu restituieren, Bildtitel umzuändern oder den Kontext und die Herkunft von Kunstwerken zu erläutern. Unsere ethnografischen Sammlungen haben Ende 2017 menschliche Gebeine zurückgegeben, die zwischen 1896 und 1902 auf Hawaii geraubt und nach Dresden verkauft worden waren. Der Antrag auf Rückgabe war 1991 gestellt worden. Die Phase der Sensibilisierung ist in Deutschland sehr spät in Gang gekommen. Das muss ich auch selbstkritisch sagen. Nur leider schlagen die Debatten um Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und politische Korrektheit in eine Hypersensibilisierung und ein Moralisieren um.

ZEIT ONLINE: Haben Sie so etwas auch in Dresden erlebt?

Ackermann: Wir hatten vergangenes Jahr eine Debatte darüber, ob Gemälde von Künstlern der DDR-Zeit absichtlich von den Wänden des Museums entfernt worden seien. Die Heftigkeit der Diskussion hat mich überrascht. Wie in anderen Bereichen der Gesellschaft werden auch hier die Debatten in extrem verstärkter Aggression ausgetragen. Diese Entwicklung finde ich äußerst problematisch. 

ZEIT ONLINE: Ist die Freiheit der Kunst in Gefahr?

Ackermann: Wir müssen aufpassen, dass sie nicht durch völlig übertriebene political correctness in Gefahr gerät. Kunst erlaubt sich schon heute nicht mehr alles. Es gibt Tendenzen zur Prüderie und Rückschritte in der Emanzipation. In diesen Entwicklungen zeigt sich, dass wir in einer Welt der Verbote und Tabuisierungen leben.   

ZEIT ONLINE: In der Diskussion um Kindesmissbrauch werden plötzlich Werke der Expressionisten und der Wiener Secession verdächtigt, Pädophilie zu fördern. Denken wir nur an die Werke von Egon Schiele, der einige Tage wegen "Verbreitung unsittlicher Zeichnungen" im Gefängnis saß. Darf man nackte Kinder in Museen zeigen?

Ackermann: Unbedingt. Zur Kunst gehört, dass die unbequemen Zonen des Menschen und seines Daseins ausgelotet werden. Tabubrüche sind für viele schwer auszuhalten. Aber Kunst stößt ständig in Bereiche vor, die schmerzen und schmerzen müssen.

ZEIT ONLINE: Durch die Entscheidung der Manchester Art Gallery, das Gemälde des Raffael-Verehrers John William Waterhouse abzuhängen, hat die Debatte an Heftigkeit gewonnen. Zu sehen ist, wie nackte Nymphen den schönen Jüngling Hylas in ihren Teich locken und töten. Wie stehen Sie zu dem Vorgang? 

Ackermann: Wenn man von Freiheit der Kunst spricht, dann müssen auch solche Interventionen erlaubt sein. Das Abhängen des Gemäldes war ja selbst ein performativer Akt der Künstlerin Sonia Boyce. Sie hat eine Leerstelle geschaffen, um eine Diskussion anzuschieben. Das ist ihr gutes Recht. 

ZEIT ONLINE: Aber wie soll der Besucher ein Urteil fällen, wenn ein Gemälde nicht zu sehen ist?