"Meine Kunst untergräbt Werte"

Anverwandlung von David Hockneys "Mr and Mrs Clark and Percy": Eine weiße Katze war nicht zur Hand, also musste ein Mensch im Overall herhalten. © Grisebach & Christian Jankowski/ Fotograf: Roman März

Menschen stellen berühmte Kunstwerke nach und fotografieren sich in Positur, Tableaux Vivants nennt man die Bilder. Der Video- und Performancekünstler Christian Jankowski hat nun den Kreis geschlossen, indem er solche Fotos, die er online fand, wieder auf die große Leinwand bringen ließ. Chinesische Kopisten halfen ihm bei seinem Projekt. Er nennt das "Neue Malerei". Bis zum 12. Mai ist seine Gemäldeserie bei Grisebach in Berlin zu sehen.

ZEIT ONLINE: Herr Jankowski, kennen Sie einen guten Künstlerwitz?

Christian Jankowski: Es gibt diesen Spruch von Karl Valentin: Kunst ist schön, macht aber auch viel Arbeit. Das ist das Erste, was mir dazu einfällt. Auch wenn das kein Witz ist.

ZEIT ONLINE: Fehlt es dem Kunstbetrieb an Humor?

Jankowski: Das ist mir bis jetzt nicht so aufgefallen. Natürlich sind Leute manchmal humorlos. Aber ich fühlte mich immer schon hingezogen zu Kunst, die auch einen befreienden Witz innehatte. In einer Pointe steckt immer eine Neuentdeckung, ein Spiel mit Erwartungshaltungen oder neuen Perspektiven. Das ist verwandt mit der Kunst. Trotz allem ist es natürlich alles andere als Comedy, was ich mache.

ZEIT ONLINE: Viele schätzen gerade den lustigen Künstler Jankowski. Finden Sie das in Ordnung?

Jankowski: Es besteht auf jeden Fall die Gefahr, schnell in eine dumme Schublade geschoben zu werden. Da muss ich ständig aufpassen. Humor ist vielmehr ein Mittel, eine Möglichkeit von vielen, Kunst zu lesen. Es geht mir ums Experiment am Bild und um das Finden neuer Bilder. Auch darum, ihre Wirkung zu testen. Oft kann ich gar nicht sagen, was da am Ende erscheinen wird, weil ich so sehr in Prozessen und Handlungsabläufen denke.

ZEIT ONLINE: Und in Ihrer Neuen Malerei geht es um einen Recycling-Prozess?

Jankowski: In meiner Kunst dreht sich oft etwas im Kreis oder um sich selbst. Es geht mir hier um dieses Lost and Found in Translation oder darum, wie sich Malerei im kollektiven Gedächtnis festsetzt. Und dann finde ich im Internet Bilder, auf denen sich Menschen nach berühmten Kunstwerken platzieren, zueinander verhalten, sich kostümieren, sich fotografieren lassen und das dann wieder ins Internet stellen. Da gibt es also auch diesen Sendungsanspruch, dass das hinterher wieder öffentlich gemacht werden soll und kann. Das finde ich faszinierend, auch wegen des Übergriffs, dieser Dreistigkeit, sich die Kunstgeschichte anzueignen. Auf BoredPanda.com gibt es zum Beispiel diese Bilder von ein paar Bürokollegen, die in ihrer Pause regelmäßig ein bekanntes Gemälde der Kunstgeschichte nachstellen, indem sie improvisieren mit den Mitteln, die ihnen am Arbeitsplatz zur Verfügung stehen. Die stellen dann eben Rembrandts Anatomiestunde nach.

ZEIT ONLINE: Und Sie wiederum lassen von Chinesischen Kopisten die Kopie kopieren. Wie war es, als Sie die fertigen Gemälde zum ersten Mal sahen?

Jankowski: Für mich ist das wie Geschenke auspacken. Ich war auf dem Trip, dass ich mit meinem Malerteam aus China ständig neue Bilder produzieren wollte. Mein ganzes Kapital floss da rein und ich habe eine regelrechte Bildersucht entwickelt. Es passiert in so einer Zusammenarbeit immer etwas Unerwartetes. Manchmal werden bestimmte Bilder, von denen man nicht viel erwartet hat, viel rätselhafter, stärker, viel verstörender, als man sich jemals vorstellen konnte.

Die berühmte "Nachtwache" von Rembrandt, einst in Öl, dann ein ausgeleuchtetes Foto im Netz, jetzt wieder ein Gemälde © Grisebach & Christian Jankowski/ Fotograf: Roman März

ZEIT ONLINE: Ein Beispiel?

Jankowski: Der David Hockney ist nicht von ungefähr das Titelbild der Ausstellung. Es ist Hockneys Bild der Clarks, dieses Designerpaares, das für die Stones und Jimi Hendrix Kostüme entwickelt hat, und von Percy, ihrer Katze. In dem Tableau Vivant aus dem Wettbewerb, dem dieses Bild entstammt, sieht man einen als Katze verkleideten Mensch auf dem Schoß sitzen, weil eben keine weiße Katze zur Hand war. Bevor es ins Netz gestellt worden ist, haben sich die beiden Darsteller noch die Gesichter verpixeln lassen, weil sie anonym bleiben wollten. Das dann wieder in Malerei übersetzt, hat durchaus einen David-Lynch-Effekt, etwas Unheimliches. Für mich ist das ein schräges Bild: dieser Zusammenhang von Modedesigner und kostümierter Katze.

ZEIT ONLINE: Brüskiert es manche Leute, zu sehen, was da mit den Werken alter Meister passiert?

Jankowski: Auf jeden Fall habe ich während der Testphase mal ein gewisses Entsetzen erlebt. Und denjenigen, bei dem ich dies erlebt habe, habe ich dann gebeten, einen Katalogtext zu schreiben: Jürgen Harten, er war von 1972 bis 1998 Direktor der Städtischen Kunsthalle Düsseldorf. Als ich ihm einen Vordruck des Katalogs für die Neue Malerei zeigte, blieb er an der Floß-der-Medusa-Darstellung hängen und er hat sehr geschluckt.

ZEIT ONLINE: Ursprünglich ist das ein Gemälde von Géricault, das Schiffbrüchige während der Napoleonischen Kriege zeigt, die zu Kannibalen wurden.

Jankowski: Die Kunst, die ich mache, ist ja eine Untergrabung bestimmter Werte. In diesem Feld zwischen zwei extremen Polen, Untergrabung und Hommage, bewege ich mich recht gern. Weil das so vieles zurückwirft auf den Betrachter und seine Perspektive. Die größte Chance der Kunst liegt in der Irritation des Betrachters. Ich kann durchaus verstehen, dass eine bestimmte Anmaßung und ein fehlender Respekt in meinem Vorgehen stecken, Kopisten aus China zu finden und mit ihnen ein Atelier in Shenzhen zu gründen.

"Herr Richter möchte davon absehen"

Christian Jankowski inmitten seiner Kopisten-Kopien © Dawin Meckel

ZEIT ONLINE: Wussten diese Kopisten, für wen sie da arbeiten und was mit ihrem Werk passiert? 

Jankowski: Vor zehn Jahren erzählte mir ein Freund in Hong Kong von diesem Kopistendorf namens Dafen. Ich bin hin gefahren, als inmitten dieses Dorfs, wo es viele Galerien und Werkstätten gibt, gerade ein Kunstmuseum gebaut wurde. Ich fand das verrückt! Für welche Art Kunst sollte das sein? Die allerbesten Kopien? Es gab nur Vermutungen dazu. Die inspirierten mich, diese erste Malerei mit den Chinesen zu realisieren. China Painters landete ein paar Jahre später, nach New York, Wien und London, wirklich in diesem Museum in Dafen. Es kam also nicht von ungefähr, dass ich die Fotos nun dorthin schickte. Ich habe eine längere Beziehung zu diesen Malern. Natürlich spielt Ökonomie auch eine Rolle. Die machen das toll und für bezahlbares Geld. Aber sie sind eben wirkliche Experten für van Gogh, Dürer oder Picasso.

ZEIT ONLINE: Wie groß ist die Differenz zwischen dem teuersten in Auftrag gegebenen und dem teuersten Bild, das Sie nun verkaufen?

Jankowski: Ich kann das recht genau sagen. Ich weiß nur nicht, ob das so viel bringt. Obwohl, eigentlich bin ich für Hose runter und Karten auf den Tisch! So ein ganz großes Gemälde, wie das Floß der Medusa, kostete in Shenzhen allein 5.700 Euro. Hinzu kommen Transportkosten und maßangefertigte Keilrahmen. Für die Produktion eines solchen Gemäldes komme ich selbst auf Kosten von insgesamt 10.000 bis 12.000 Euro. Wir verkaufen den Géricault für circa 50.000. Das teile ich mir fifty-fifty mit Grisebach. Das heißt, die Produktionskosten abgezogen bleiben mir 20.000. Davon versteuere ich, als braver Mensch, 40 Prozent. Dann bleiben mir genau 12.000 Euro übrig, für das größte Bild der Serie. Auch wenn ich mir daran keine goldene Nase verdienen kann, freue ich mich sehr über diese vielen geglückten Bilder. Sie sind nun alle nicht von mir gemalt. Natürlich denkt man hier an Lieber Maler, male mir des viel zitierten Martin Kippenberger, der aber auch nicht der Erste war, der das gemacht hat.

ZEIT ONLINE: Und auch nicht der Letzte. Worauf möchten Sie hinaus?

Jankowski: Ich glaube, dass es Unterschiede zu Kippi, Baldessari und Rembrandt gibt in dem Ablauf dieses Produktionskomplexes. Mit Sicherheit hat auch Jeff Koons Maler in seinem Atelier sitzen, die verdammt gut sind, es mit ihrer eigenen Kunst aber ökonomisch noch nicht ganz schaffen oder das eben als gut bezahlten Job machen. Es ist immer schon gemalt worden, wir alle malen. Und es ist ja nicht so, dass man nicht malen darf, nur weil ein paar Maler das besonders inbrünstig und informiert tun. Das gräbt nichts ab, das soll alles weiter existieren. Aber ich glaube, dass der Weg von Neue Malerei davon ein wenig abweicht. Denn er umarmt auf seine Art die ganze Malereigeschichte, aber auch Performancekunst und Fotografie. 

ZEIT ONLINE: Eine gewisse Auswahl mussten Sie trotzdem treffen. Nach welchen Kriterien sind Sie vorgegangen?

Jankowski: Einerseits habe ich nach spannenden Fotos und Reinterpretationen gesucht, andererseits nach Diversität. Bei van Goghs Kartoffelessern steckt plötzlich eine Ikeawerbung drin, woanders wurde Filmgeschichte interpretiert. Oder man sieht im Hintergrund jemanden stehen, der mit dem Handy mitfotografiert. Die Bildproduktion mit dem Handy ist noch mal eine andere Interpretation des Tableau Vivant. Da gibt's die Nachtwache, man denkt an Rembrandts dunkles Bild, und dann kommt da ein Journalist der New York Times, der einen Bericht über dieses Laguna Beach Tableau Vivant Festival macht, auf dem es nachgestellt wird. Der blitzt von vorn in die Nachtwache rein, wodurch Schlagschatten hinter den vorderen Performern entstehen. Dahinter wurde semiprofessionell der Rest der Figuren gemalt. In die Nachtwache geblitzt, wo gibt es denn so was? Ich hätte übrigens auch gern Sigmar Polke dabeigehabt oder A.R. Penck. Aber von denen gab es keine Tableaux Vivants im Netz.

ZEIT ONLINE: Sie haben Gerhard Richter.

Jankowski: Wir hatten sogar direkten Kontakt. Wir haben angefragt, ob wir die beiden Vorbilder im Katalog abdrucken können. Sein Studio schrieb nur: "Herr Richter möchte davon absehen." Aber allein dass unsere Anfrage beim Gott der deutschen Malerei landete, beglückt mich. Dass die Bilder deshalb jetzt grau abgebildet sind, ist für mich ein Statement zur monochromen Bildmalerei.