Ich sitze in der Mambo Beach Bar auf der Insel Kreta und lese, dass die Welt aus den Fugen ist.

Das Problem sind die Frauen.

In der New York Times ist ein Porträt des kanadischen Psychologen Jordan Peterson erschienen. Peterson ist mit der These, dass Männerherrschaft eine Art Naturrecht sei, zu Ruhm und Geld gekommen: Wenn Männer nicht kompetenter wären als Frauen, hätte es das Patriarchat nie gegeben. Dass die Dinge sind, wie sie sind, beweist, dass sie so bleiben müssen – eine Art intellektueller Totenstarre.

Die Verehrung, die Peterson von Männern entgegengebracht wird, trägt religiöse Züge. Befragt nach dem von den Frauen enttäuschten Männerrechtler Alek Minassian, der im April in Toronto zum Massenmörder wurde, sagt Peterson der New York Times, die Lösung des Problems sei Zwangsmonogamie. Minassian sei nur deshalb Amok gelaufen, weil die Frauen sich ihm verweigert hätten. Frauen müssten verpflichtet werden, auch Männer wie ihn zu heiraten, damit diese nicht gewalttätig werden.

Frauen sollen also gewalttätige Männer mit zwangsehelichem Geschlechtsverkehr befrieden, um die Gesellschaft vor ihnen zu schützen. Das ist für Peterson ihre natürliche Rolle. Er fühlt sich von der New York Times völlig missverstanden, beharrt darauf, dass er alles wissenschaftlich belegen könne und dass es ihm nur um den Ausgleich zwischen den Geschlechtern gehe. Kurz: Für die Frauen wäre es so doch auch besser.

Als wäre Respekt eine Unterwerfungsgeste

Jordan Peterson ist einer der prominentesten Kämpfer gegen die sogenannte Political Correctness. Das ist ein rechtskonservativer Kampfbegriff zur Denunziation von Gruppen, die Rechte für sich einfordern, die man ihnen nicht zugestehen möchte. Vor allem sind das natürlich die Frauen mit ihrer #MeToo-Bewegung. Es sind aber auch Schwule und Lesben, Transmenschen oder People of Colour – Menschen, die ganz konkret nicht länger sexuell missbraucht oder belästigt, auf der Straße beleidigt oder verprügelt und auch nicht mehr auf Twitter mit Mord und Vergewaltigung bedroht werden möchten. Sie alle fordern Anstand und Respekt.

Bei den Gegnern der Political Correctness scheint das autoritäre Reflexe wachzurufen: Wenn so etwas einreißt, könnte ja jeder kommen und Respekt verlangen! Ein bisschen so, als wäre Respekt eine Unterwerfungsgeste – je mehr ich anderen davon erweise, desto weniger bekomme ich selbst ab. Als hätte man morgens, wenn man aus dem Haus geht, nur eine begrenzte Menge Respekt in der Tasche und müsste sich sorgfältig aussuchen, wie man ihn verteilt. Da darf einem dann kein syrischer Transmensch dazwischenkommen, der Respekt verlangt, dann hätte man ja abends auf dem Heimweg für die liebe deutsche Nachbarin keinen mehr übrig!

People of Color, das darf man natürlich nicht sagen. Schon wer von alten weißen Männern spricht, ist verdächtig. Ich bin sehr verdächtig. Ich bin ein alter weißer Mann auf Kreta. Vor ein paar Tagen habe ich mir im Archäologischen Museum von Heraklion die beiden Statuetten der sagenumwobenen minoischen Schlangengöttin angesehen, die in Knossos gefunden wurden. Zwei bröckelige Frauenfiguren, vielleicht 3.600 Jahre alt, barbusig. Der einen winden sich zwei Schlangen um die Arme, die andere hält sie – drohend? – in der Hand. Einer hockt ein Wildtier auf dem Kopf, ein Hase vielleicht.

Frauenherrschaft nie!

Mit der minoischen Kultur ist es seltsam, man hat offenbar nie Hinweise auf einen König gefunden, auf eine zentralistische Führungsstruktur oder dominante männliche Götter, und der Archäologe Arthur Evans, der Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts die Schlangengöttinnen ausgrub, sah sie als Hinweise auf ein minoisches Matriarchat.

Dann wurde vor rund dreißig Jahren in Ostkreta eine halbmeterhohe Männerstatue entdeckt, sehr edel, halb zerstört. Sie wurde sofort als männliches Götterbild interpretiert, als Beweis, dass auch die Minoer brav Männer angebetet hätten. "Wenn Sir Arthur Evans dieses Stück gesehen hätte, hätte er nie behaupten können, dass die Religion der Minoer ein Matriarchat war", wurde der Ausgräber Sandy MacGillivray im ZDF zitiert. So verzweifelt war die Männerwelt schon damals, dass sie diese Bestätigung brauchte: ewige Männervergötterung, auch auf Kreta, Frauenherrschaft nie! Eine kleine Statue genügte als Beweis.

Natürlich beweist die spätminoische Männerstatue so wenig wie die Statuen der Schlangengöttinnen. Wir wissen über die minoische Kultur einfach kaum etwas. Es ist nur so, dass wir immer so mit Kunst umgehen, mit Kunst der Bronzezeit genauso wie mit Gegenwartskunst: Wir laden ihr unsere eigenen Wünsche auf. Wenn es schlecht um uns steht, bauen wir sie als beruhigende Elemente in unsere aktuellen Angstlandschaften ein. Geleitet werden wir dabei meistens von – so sind die Machtverhältnisse noch – Männerfantasien.

Was könnte alles entstehen, wenn man Veränderung zulässt?

Im gefühlt dreitausendsechshundertsten in Deutschland veröffentlichten Aufsatz zur Warnung vor der Political Correctness und der aus ihr unweigerlich hervorgehenden Tugenddiktatur hat die Schriftstellerin und Hochschullehrerin Dagmar Leupold auf ZEIT ONLINE ihre eigene Angstlandschaft ausgebreitet. Jordan Peterson fürchtet um die Freiheit des Männergeschlechts, Dagmar Leupold hat Angst um die Freiheit der Kunst. Sie gibt daher ihren Leser_innen eine Anleitung zur Selbstbeschneidung der eigenen Freiheiten, um die Kunstfreiheit zu retten, die sie schon in Gefahr sieht, weil ein paar Mal das Abhängen von Bildern gefordert und ein Mal das Übermalen eines Gedichts auf einer Hausfassade durchgesetzt wurde. (Ja, wieder Gomringer, immer Gomringer, ewiger Gomringer, ewige Mahnung, ewiger Zeigefinger.)

Im Text werden Gut und Böse klar unterschieden. Sobald politischer Aktivismus sich im Internet niederschlägt, ist er für Dagmar Leupold eitler Aufmerksamkeitsmerkantilismus und gehört in den Topf, in den sie schon "Verwertungszusammenhang" und "Markt" gesteckt hat, die auch sehr böse sind. So kann sie schmutzige Politik, narzisstische Onlinewelt und platten Kapitalismus in einem Aufwasch denunzieren. Was sie als einzig denkbares Reich des Guten anbietet, ist der heilige Tempel der Kunst, wo es um nichts anderes gehen darf als um Form und Gestaltung und wo man über Untugenden der Künstlergenies hinwegsehen muss, um sich nicht den Blick auf das Höhere zu verstellen, das den Werken innewohnt.

Kunstwerke und Käse

Das ist knallharte Kunstreligion. Wenn ich mich von einem Gedicht unmittelbar angesprochen fühle, mache ich es schon falsch. Wenn ich es politisch deute, kann ich seine überpolitische Essenz nicht mehr erschauen und spiele außerdem dem Gegner in die Hände. Dessen Existenz gesteht Dagmar Leupold ein, ohne ihn je zu benennen, und unter einigen Verrenkungen missbilligt sie antifeministische Exzesse – aber den Hass haben die bösen Tugendfurien sich selbst zuzuschreiben, weil sie es mit dem Genuss der Freiheit übertrieben haben.

Nun gibt es keinen Tempel und keine Kirche, in die Kunst und Dichtkunst sich zurückziehen könnten. Sie beziehen sich immer auf die Wirklichkeit, die sie umgibt und die immer auch politisch ist. Sie entstehen in ihrer unmittelbaren Gegenwart, und wenn sie den Gegenwartsbezug edel verweigern, beziehen sie sich noch in der Pose der Verweigerung auf diese Gegenwart. Auch der Rückzug aus dem Politischen ist leider ein politischer Akt.

Und dann werden die Werke der Kunst und Literatur auch noch von jeder neuen Zeit neu bewertet. Manchmal werden sie auch abgewertet. Manchmal werden sie vergessen und glorreich wiederentdeckt, manchmal bleiben sie vergessen, was auch ein Glück sein kann. Kunstwerke altern mal besser, mal schlechter, genau wie Käse.

Kommt irgendwann eine Gegenbewegung?

Kunst und Literatur sind eine schmutzige, edle, kaputte, hehre, spießige Angelegenheit. Vor Kunstwerken darf man beten, pupsen, schnarchen, erbeben, und man darf auch rufen: Das ist Kunst, mach das weg! Kunstproduktion ist keine religiöse Handlung, Kunstgenuss genauso wenig. Und es gibt auch keinen Weg, die Kunst vom bösen Markt fernzuhalten, vom teuflischen Verwertungszusammenhang – der Markt ist Teil der Wirklichkeit, auf die Kunst angewiesen ist. Genau wie das böse Internet.

Das Gute an der Vergangenheit ist, dass sie vergeht. Ich habe eine Exkursion zu den Ruinen des Palasts von Knossos gebucht. Trümmer machen mir immer Hoffnung, sie erinnern daran, dass man das Alte abräumen und zusehen kann, wie es vom Neuen überwuchert wird. Ein gutes Mittel gegen die Angst, die unsere Gesellschaften vergiftet. Was könnte da zum Beispiel aus dem Kampf für Anstand und Respekt wachsen, wenn man Veränderung zulässt? Warum nicht radikale Tugendkunst? Eine Kunst der Triggerwarnungen, meinetwegen aus zartem Mikroaggressionsgewebe? Wie das wohl aussehen mag, in Form und Gestaltung? Und kommt irgendwann eine Gegenbewegung, die neue Untugendsamkeit?

Was die Zukunft der alten weißen Männer angeht, werde ich in Knossos gern die Schlangengöttin anrufen und sie befragen. Ich weiß nicht, was die Göttin empfehlen wird, ich empfehle bei Kopfschmerzen Matriarchat.