"J'ai enfermé hermétiquement un homme dans la pièce": Collage von Astrid Klein, 1980 © Astrid Klein/Courtesy Sprüth Magers

Es liegt eine Schönheit in der Zerstörung. Und niemand zerstört so schön wie Astrid Klein. Besonders wenn sie Bilder zerreißt und neu zusammensetzt. Eine leger geklei­dete junge Frau mit Bobfrisur lutscht hingebungsvoll an einem fremden Daumen. Daneben blickt ein James-Dean-ähnlicher Beau auf zwei Turteltauben, und ein Damenpumps streicht in zwanzigfacher Vervielfältigung sanft an einem Herrenhosenbein hinauf.

Collage ist die Kunst, aus gezielter Unordnung eine neue Ordnung entstehen zu lassen. Sie dominiert aus gutem Grund die Ästhetik der Moderne. "Il faut être absolument moderne" forderte Rimbaud bereits 1873, man müsse absolut modern sein, und der Satz findet sich auch auf Kleins eingangs beschriebener Collage. Entstanden ist diese im Jahr 1980. Klein lebte damals ein Jahr als junge Stipendiatin in Paris. Und dort drang sie tief in die Grabkammer des kollektiven Bilderunterbewusstseins ein: ein Keller unter einem Zeitungskiosk in der Rue de Rivoli. Zahllose Stapel an Kinomagazinen, Fotoromanen, Sudelblättchen. "Am dritten Tag brachte mir der Kioskbesitzer Kaffee herunter", erzählt Klein. "Ich habe da Tonnen an Material hinausgeschleppt." Bilder von verführerischen Frauen, einst inszeniert für den Lustgewinn der Männer, bearbeitete sie mit Schere, Klebeband und Schreibmaschine. Les tâches dominicales (Sunday Works) heißt die Serie. "In Paris war ich in der Mehrzahl von männlichen Künstlern umgeben. Die Männer betrachteten mich wie einen seltsamen Kolibri", erzählt Klein. "So entstand das Konzept zur Serie Sonntagsarbeiten – typisch Frau, jeden Sonntag eine Arbeit –, das durchaus als feine Spitze gegen die Macho-Allüren zu sehen ist."

Die Pariser Anekdote und die dazugehörige Werkerläuterung ist fast schon zu viel Biografisches für eine Künstlerin, die Interviews meist scheut und sich nicht fotografieren lässt. Manchmal gelingt aber doch ein Treffen mit der 1951 in Köln geborenen Klein, die sich im Gespräch als selbstironisch und schlagfertig erweist. Ihr rheinischer Singsang spielt in den tieferen Oktaven, und wenn sie ihre kristallharten, glasklaren Satzsalven abfeuert, kommen selbst eloquente Argumentierer wie Harald Falckenberg in die Defen­sive. Der Hamburger Sammler schätzt die Künstlerin. Er hat schon sieben tâches ­dominicales und eine Fotoarbeit von ihr ­gekauft und ihr jetzt auch bedingungslos die Schlüssel für seine Ausstellungsräume ausgehändigt, damit sie dort ihre Einzelausstellung hängen konnte: Transcendental Homeless Centralnervous – ihre erste Überblicksschau seit Ewigkeiten. Sie selbst gilt trotz langer Karriere fast als Geheimtipp.

"Es ist ein gutes Gefühl", sagt Klein über den Parcours von rund 200 teils extrem großformatigen Werken, die sich auf 4.000 Quadratmetern der Deichtorhallen Hamburg/Sammlung Falckenberg verteilen. "Ich glaube wirklich, dass dies die beste Ausstellung ist, die ich je gemacht habe – einfach weil es hier die Möglichkeit gibt, so viele verschiedene Werke zu zeigen." Tatsächlich bietet die Architektur der Sammlung Falckenberg ideale Bedingungen: Flycatcher III, eine vier Meter hoch getürmte Skulptur aus elektrischen Insektenfängern, findet in einer Ecke des Erdgeschosses problemlos Platz. Und eine riesige Leinwand mit einer gemalten Catherine Deneuve ist auf einer Treppenwand trotz 5,30 Metern Kantenlänge von viel schmückendem Weißraum umgeben.

Dieser Artikel stammt aus Weltkunst Heft Nr. 144/2018. © Weltkunst Verlag

Beim Ausstellungsrundgang taucht man nun in das vielseitige Œuvre einer Künstlerin ein, die von 1973 bis 1977 an der Kölner Fachhochschule für Kunst und Design ausgebildet wurde – als "Maler und Bildhauer", wie sie es selbst in der männlichen Form betont: In einer kleinen Kammer im Erdgeschoss hängen Dutzende klebrige Fliegenfängerpapiere von der Decke (Flycatcher I von 1981), und dazu erklingt das Klavierstück Aus dem Tagebuch einer Fliege von Béla Bartók. Man begegnet Wandskulpturen aus Neonleuchtfäden, die mit Wörtern beschriftet wurden, etwa Untitled (memory overflow). Oder den mit Alabastergips und Zinkweiß gemalten Weißen Bildern, in deren leeren Zentren vereinzelte Worte wie Nachbilder flimmern: "Erinnerung eines ­Gedächtnislosen". Dazwischen vertieft man sich immer wieder in ihre bekannten Fotoarbeiten. Bei diesen hat Klein gefundene Bilder erneut abfotografiert und die Negative danach montiert, manipuliert, verkratzt, zu körniger Blow-up-Ästhetik ins Riesenformat gezogen und mit Schriftkommentaren verdichtet – teils zu thematischer Brisanz, wie in der Arbeit Untitled (failure) von 1987, die von Gier, Geld und Genderfragen handelt. Und teils zu bewusster inhaltlicher Vagheit wie im Werk Untitled (Spieler) von 1979.