David Hammons: "Chasing the Blue Train", 1989–1991, S.M.A.K., Gent © David Hammons, Foto: Dirk Pauwels

"Kohle ist die Grundlage unserer Kultur." Ferdinand Ullrich lächelt, während er diesen gewichtigen Satz ausspricht. Dann geht er weiter durch die hohen Räume der Duisburger Küppersmühle und wirft einen abschließenden prüfenden Blick auf die rostigen Metallstangen, die alten Jutesäcke und den zerstörten Ofen. Die Küppersmühle im alten Industriehafen der Ruhrgebietsstadt hat etwas geschafft, was die gesamte Region noch vor sich hat: eine erfolgreiche Transformation. Wo früher in riesigen Stahlsilos Getreide lagerte, befindet sich heute dank eines Umbaus der Architekten Herzog & de Meuron ein Museum für zeitgenössische Kunst. Die Eisenträger, Kohlehaufen und Neonleuchten, die Ferdinand Ullrich hier inspiziert, gehören zu keiner Industrieanlage, sondern sind Werke internationaler Künstler wie Bernar Venet, Ayşe Erkmen oder Anselm Kiefer. Und Jannis Kounellis. Kohle und Eisen waren zentrale Stoffe für dessen Arte povera, und alles, was hier zu sehen ist, ist eine Hommage an den Meister des armen Materials, der im vergangenen Jahr verstarb.

Ullrich ist der Kurator der Schau und weit mehr als das. Der 66-Jährige ist der Kopf hinter einem riesigen Ausstellungsprojekt, das diesen Sommer im Ruhrgebiet realisiert wird. 17 der insgesamt 20 Ruhrkunstmuseen nehmen daran teil, von Unna bis Duisburg, von Witten bis Marl gibt es Ausstellungen zu einem großen gemeinsamen Thema: "Kunst und Kohle", eine Art Rückblick auf die Montanindustrie mit den Mitteln der bildenden Kunst.

Dass ausgerechnet Ullrich die Idee über Jahre vorangetrieben hat, hängt auch mit seiner Biografie zusammen, die über weite Strecken eine für die Region typische ist. Seine Eltern, Heimatvertriebene, zogen 1952 ins Ruhrgebiet, weil der Vater in Herne als Bergmann arbeiten konnte. Ullrich wächst in einer Zeit auf, in der das Ruhrgebiet kulturell einen Sprung macht. In den späten Fünfziger- und Sechzigerjahren entstehen, auch in Reaktion auf erste Kohlekrisen, große Bildungsinstitutionen wie die Ruhr-Universität Bochum oder wichtige Bühnen wie das Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen. Er studiert Kunst an der Akademie in Münster, später Kunstgeschichte in Bochum und jobbt neben dem Studium im Kohleabbau unter Tage. In den 1980er-Jahren kommt er an die Kunsthalle Recklinghausen, die er fast 30 Jahre lang als Direktor leiten wird.

Wenn Ferdinand Ullrich über das große Thema der aktuellen Ausstellungen spricht, erzählt er also auch ein wenig über sich selbst. In diesem Jahr werden in Deutschland die letzten beiden Zechen schließen, die Epoche der hiesigen Steinkohleförderung ist damit endgültig Geschichte. Das Ruhrgebiet ist von diesem schon Jahrzehnte andauernden Wandel mit Abstand am stärksten betroffen, die Region verliert, hart gesprochen, ihren Wesenskern. "Man darf die Epoche der Montanindustrie nicht verklären", ist Ullrich wichtig zu betonen, "aber es geht schon darum, sie zu würdigen. Denn auch die Museen im Ruhrgebiet verdanken der Kohle ihre Existenz."

Allein Duisburg hat drei davon, neben der Küppersmühle gibt es das private Museum DKM sowie das städtische Lehmbruck-Museum, die sich beide mit hochkarätigen Ausstellungen zeitgenössischer Kunst beteiligen. Das ist für eine Stadt, die seit Jahren vor allem mit Negativschlagzeilen auf sich aufmerksam macht, eine erstaunliche kulturelle Dichte. Duisburg war in den Fünfzigerjahren eine der reichsten Städte Deutschlands, doch das ist heute fast vergessen.

Alicja Kwades "Lucy", 2004, ist im Duisburger Lehmbruck-Museum zu sehen. © Alicja Kwade und König Galerie, Berlin/London, Foto: Matthias Kolb

Rund 20 Kilometer nordöstlich von Duisburg liegt eine Stadt, die noch nie im Fokus des Interesses stand. Bottrop ist eine dieser unscheinbaren Ruhrgebietsstädte, die mit keiner Universität aufwarten können, keinem überregional bedeutenden Theater, ja noch nicht einmal mit einem bekannten Fußballklub. Doch gerade hier findet sich einer der bezauberndsten Ausstellungsorte der Region. Das Museum Quadrat ist ein lichter Kasten, der malerisch am Rande eines Stadtparks steht und das Grün der Umgebung durch seine zahlreichen Glasfronten in das Innere des Baus mit aufnimmt. Das Haus wurde in den 1970er-Jahren von einem Bottroper Stadtbaumeister entworfen, und seine architektonische Qualität besticht bis heute. Auch die Sammlung hat internationalen Rang, sie besteht vor allem aus Gemälden des Bauhaus-Malers Josef Albers, dem das Museum gewidmet ist. Die aktuelle Schau feiert andere Meisterwerke der Sachlichkeit: die Industriefotografien des Ehepaars Becher.

Heinz Liesbrock, der Direktor, ist sich der hohen Qualität seines Museums bewusst. "Gerade war jemand von der New York Times da", erklärt er lässig beim Pressetermin. Die Bottroper Schau ist die letzte, die in ihren Grundzügen noch von Hilla Becher selbst konzipiert wurde, bevor sie 2015 acht Jahre nach ihrem Ehemann Bernd verstarb. Es sind nur echte Fotoabzüge zu sehen, keine Digitalprints. Im Zentrum stehen die Typologien, vor dem Auge des Besuchers entfalten sich gefühlt unendliche Variationen von Fördertürmen oder Hochöfen aus Europa und den USA. Das Ganze wirkt wie ein serielles Denkmal, sowohl für die wegweisenden Bechers als auch für die von ihnen verewigte Architektur, zu deren Erhaltung sie mit ihrer Fotokunst beigetragen haben. Im Ruhrgebiet wurden viele ehemalige Zechenanlagen mittlerweile als erhaltenswert anerkannt und touristisch erschlossen, was die Region bis heute unverwechselbar macht.