Für die meisten New Yorker ist dieser Teil der Stadt ein weißer Fleck auf der Landkarte. Brooklyn Navy Yard heißt das abgeschottete Werkgelände an einer Ausbuchtung des East River zwischen Vinegar Hill und Williamsburg. Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden hier Fregatten, später U-Boote und Flugzeugträger. Erst vor wenigen Wochen wurden wieder ein historischer Anker und Kanonenkugeln aus dem Wasser geborgen. Heute sind andere Industrien in der alten Wer zu Hause, es gibt Filmstudios, Künstlerateliers, Büros. Hillary Clinton hatte hier ihre Wahlkampfzentrale. So einfach hereinspazieren kann man nicht. Der Pförtner will den Grund des Besuchs wissen, etwa das kleine Museum zur Geschichte des Navy Yard – oder man ist verabredet. Wie wir jetzt mit Charline von Heyl.

Die deutsche Künstlerin, Jahrgang 1960, lebt seit zwei Jahrzehnten in Manhattan und hat ihr Atelier seit fünf Jahren hier in Brooklyn. Ihr olivgrüner Malerkittel, die Jeans, die schwarzen Turnschuhe, alles trägt Spuren ihrer Malerei, nur der Kopf macht einen vollkommen aufgeräumten Eindruck. Mit einem Becher Kaffee, den es im Café im Erdgeschoss gibt, nehmen wir den Aufzug in den obersten Stock des alten Lagergebäudes. Hinter einer schlichten Metalltür tut sich ihr ganzer malerischer Kosmos auf. Über drei Räume verteilt sind unzählige Bilder an den Wänden, kleine Papierarbeiten und monumentale Leinwände in unterschiedlichen Stadien der Vollendung, auf Tischen und auf dem Boden Farben in Fläschchen, Tuben, Kästen und Kanistern, Pinsel in Dosen, Gläsern, Kisten, gemusterte Stoffe, Bücher, Postkarten. Der Blick durch die Fenster reicht über die Lagerhallen und uralten Kräne bis nach Manhattan auf der anderen Seite des Flusses. Wir bleiben vor einer Wand stehen, auf der einzelne aus dünnem Karton ausgeschnittene Formen kleben. Die Künstlerin nimmt eine von ihnen ab: "Das mache ich erst seit Kurzem", erklärt sie, klebt den orange-gelben Kopf mit einer schnellen Bewegung auf eine Leinwand, nimmt ihn wieder ab und klebt ihn an eine andere Stelle. "Es ist, als ob manche Bilder auf ein ganz bestimmtes Symbol gewartet haben." Wenn der richtige Platz gefunden ist, malt sie die Vorlage bis ins Detail ab. In diesem Fall ist es ein stilisiertes Profil von Emily Dickinson.

"Mana Hatta" von 2017 spiegelt das nervöse, fragile New-York-Gefühl in der bedrohlichen Ära Trump. © Jason Mandella/Courtesy of the artist and Petzel, New York

Charline von Heyl greift nach einem Buch der amerikanischen Dichterin und liest das rätselhafte Gedicht Banish Air from Air vor. "Radikal und minimalistisch bringt sie mit drei, vier Zeilen etwas auf den Punkt, das nicht unbedingt einen Sinn ergibt. Das hat für mich mit Malerei zu tun", sagt sie. Erstaunlich findet von Heyl, dass Dickinson im 19. Jahrhundert in Neuengland "quasi immer in ihrem Zimmer blieb", das Gedicht aber noch heute in New York so extrem urban und modern wirke, dass es sich geradezu "ins Gehirn tätowiert". Den Kopf mit dem blonden Dutt habe sie ganz schnell gezeichnet und erst später gemerkt, dass sie einen ähnlichen Kopf schon vor vielen Jahren gemalt habe: "In meinen frühen Bildern habe ich geheime Selbstporträts versteckt, immer nur die Stirn, eine Halbkugel mit blondem Haar, viel zu abstrakt, als dass es jemand als Porträt erkennen könnte." Das war durchaus als Gegensatz zu den üblichen Frauendarstellungen gemeint, die immer durch den Körper definiert wurden, egal ob von männlichen Künstlern oder Feministinnen. Ihr Bild von Emily Dickinson kommt ohne weibliche Attribute aus. "Es ist die Frau als Poesiemaschine oder als Denkmaschine." Ab September sollen die neuen Werke mit der stilisierten Dichterin in der Petzel Gallery in New York zu sehen sein. Charline von Heyl klebt den Kopf wieder zurück an die Wand mit den anderen Formen, neben die Kegel, Wappen und Sterne, lauter wiedererkennbare Symbole, die in ihrer Malerei aber so anders Verwendung finden: "Bei Sternen geht es normalerweise um Raum, um den dreidimensionalen Effekt, um die Endlosigkeit. Bei mir werden die Sterne zu einem Käfig, zum Gitter, das die Fläche vermauert."

Dieser Artikel stammt aus Weltkunst Heft Nr. 145/2018 © Weltkunst Verlag

Charline von Heyl ist in Bonn aufgewachsen, hat in Hamburg und Düsseldorf studiert und kam Mitte der Neunzigerjahre mit 36 Jahren nach New York. Damals war ihre Karriere schon so etabliert, dass sie von der Kunst leben konnte. "Das heißt ja schon etwas", sagt sie trocken. Sie gehörte zu den Künstlern der Galerie Christian Nagel in Köln. "Die hat Anfang der Neunzigerjahre wirklich etwas bewegt." Die rheinische Malereiszene dieser Zeit brachte das Ästhetische, das Exzessive und das Alberne zusammen, was für den Kurator Dirk Luckow übrigens jetzt ein Grund ist, parallel zu Charline von Heyl in den Deichtorhallen den Dänen Asger Jorn (1914–1973) zu zeigen, der diese Prinzipien schon teilweise vorweggenommen hat. Auch die Künstlerin schätzt ihn sehr und besitzt sogar ein Bild von ihm. Warum sie Deutschland verließ? "Ich hatte mich schon so sehr gefunden, auch in der Opposition, dass ich große Lust hatte, mich wieder zu verlieren." Sie lacht. "Amerika war sehr befreiend."