Der erste große Andrang begeisterter Besucher ist vorbei, die Lobreden auf den geglückten Neubau sind verklungen. Doch die Kritiker sind nicht verstummt. Von einem "geheimnisvollen Schatzhaus, das sich mit seiner städtebaulichen Präsenz schwertut", ist die Rede, von einem "autistisch wirkenden Block". Die Stadt muss sich wohl erst an ein Haus gewöhnen, das sich nicht harmonisch auf den Friedrichsplatz mit seinen roten Sandsteinfassaden, den Rosengarten und die beiden Arkadenhäuser von Bruno Schmitz bezieht. Das sich nicht unauffällig einfügt in die zentrale, fast vollständig erhaltene neubarocke Anlage mit ihrem Wahrzeichen Mannheims, dem Jugendstilwasserturm. Den im Juni dieses Jahres eröffneten Kubus umkleidet stattdessen ein Netz aus Edelstahldrähten, Röhren und Seilen. Bei Tageslicht scheint der Bau wie ein verschleierter Kasten. Erst abends und nachts, wenn die unregelmäßig angeordneten Fenster und Ausblicke der Ausstellungsräume beleuchtet sind, wird diese Strenge aufgehoben.

Mit dem neuen Anbau der Kunsthalle Mannheim, dem ersten Museum des weltweit agierenden Architektenbüros Gerkan, Marg und Partner (gmp), ist der Eingang aus der Nebenstraße zur neuen Front am Friedrichsplatz gewandert. Das hängt mit der Geschichte des Hauses zusammen. 1907 war zum 300-jährigen Jubiläum der Stadt der Karlsruher Architekt Hermann Billing beauftragt worden, ein Ausstellungsgebäude zu errichten. So entstand ein imposantes zweiflügeliges Jugendstilensemble aus rotem Sandstein mit einem vielversprechenden Entree, das in eine Marmorhalle mündet, von der wuchtige Treppen in die Ausstellungsräume führen. Zuerst diente dieses Haus dem Nebeneinander von Gartenbau und Kunst. Doch im Jahr darauf beschloss die Stadt, es zum städtischen Kunstmuseum zu erheben. Allerdings füllte der Mannheimer Kunstbesitz damals nur mit Mühen das untere Geschoss. Denn die fürstliche Sammlung war 1799 dem Kurfürsten Carl Theodor gefolgt, der seine Residenz nach München verlegen musste. Was Mannheim danach besaß, entstammte bürgerlicher Kunstbegeisterung. Deshalb überließ man das Obergeschoss mit der "Ausstellung von Werken des 19. Jahrhunderts" erst einmal dem Kunsthandel.

Zu einem Angelpunkt wurde das Jahr 1910, in dem neun Mannheimer Mäzene die beachtliche Summe von 90.000 Goldmark aufbrachten, um der Stadt trotz mancher Widerstände Manets Erschießung Kaiser Maximilians von Mexiko zu schenken. Auf solche Gaben war die Kunsthalle alle Zeit angewiesen – weil sie bis heute keinen Ankaufsetat hat. 1921 stiftete der Fabrikant Sally Falk dem Museum seine Lehmbruck-Sammlung, woraus sich die Konzentration auf Skulpturen als Mannheimer Schwerpunkt entwickelte. Ein anderes wichtiges Jahr ist 1925, als Gustav Friedrich Hartlaub die Ausstellung "Neue Sachlichkeit. Deutsche Malerei nach dem Expressionismus" zeigte und damit einer Richtung erst ihren Namen gab.Die Kunsthalle betrat man 110 Jahre lang von der Moltkestraße, auf die das Haus ausgerichtet war. Zum Friedrichsplatz blieb eine Freifläche, doppelt so groß wie die, die das Gebäude von Billing einnahm. Deshalb kursierte immer wieder die Idee, dort eine Erweiterung anzufügen. Erst 1983 konnte nach sechsjähriger Bauzeit der Anbau nach dem Entwurf von Hans Mitzlaff eingeweiht werden. Er versuchte mit seiner Sandsteinfassade den Ring um den Wasserturm ohne architektonische Auffälligkeit zu schließen. Da der Eingang weiterhin in der Nebenstraße blieb, behielt der Jugendstilbau seine Bedeutung als Herz des Museums.

Die eher unauffällige Architektur der Erweiterung war durch die dem Skulpturenbestand geschuldeten hohen Säle mit großen Fenstern geprägt. Dem Ausstellen von Gemälden – man kennt das von Mies van der Rohes Neuer Nationalgalerie in Berlin – waren solche lichtdurchfluteten Räume nicht zuträglich. Und weil diese Erweiterung über einen Tiefbunker gebaut worden war, der als Depot diente, sich jedoch allen Bemühungen zum Trotz nicht gegen eindringende Feuchtigkeit isolieren ließ, stellte sich bereits nach zwei Jahrzehnten die Frage, ob mit einer generellen Sanierung oder nur mit einem Neubau abzuhelfen sei.

Dieser Artikel stammt aus Weltkunst Heft Nr. 146/2018 © Weltkunst Verlag

Als 2011 die Hector Stiftung, ins Leben gerufen von einem der fünf SAP-Gründer, Hans-Werner Hector, und seiner Frau, 50 Millionen für einen Neubau zusagte, waren die Würfel gefallen. Der Etat von 68,3 Millionen Euro konnte eingehalten werden – man verzichtete etwa auf ein geplantes zweites Tiefgeschoss für ein zusätzliches Depot. Nur der Eröffnungstermin verschob sich um ein Jahr.

Der Neubau schiebt sich nun ein wenig breiter und länger als sein Vorgänger an den Friedrichsplatz heran. Betritt man das Haus, steht man in einem Raum, der Atrium, Dorfplatz, Piazza sein will. Es ist eine Architektur, die das repräsentative Entree eines Schlosses und die kathedrale Halle ins Bürgerliche wendet. Einer solchen beeindruckenden Leere huldigten um 1900 unübertroffen der Bahnhof in Antwerpen oder der Justizpalast in Brüssel. Aber auch die Kaufhäuser, die Galeries Lafayette genauso wie Wertheim in Berlin oder Tietz in München, machten sich diese Bauweise zu Eigen: Der hohe Innenraum umrundet verführerisch die Verkaufsetagen. Inzwischen hält das Burj al Arab in Dubai mit 180 Metern Höhe den Rekord. Da können die Museen natürlich nicht mithalten. Aber auf die einladenden Blickverbindungen durch die Etagen wollen auch sie nicht verzichten. In Mannheim misst man 22 Meter bis zum Glasdach.

Da das Museum als "Stadt in der Stadt" gesehen werden möchte, ist die Eingangshalle frei zugänglich. Trotzdem verharrt sie im Museumsüblichen: Kasse, Shop und Restaurant (beide vermietet). Dazu als Appetitanreger ein wenig Kunst: eine kleine Box, in der sich jüngere Künstler – zuerst Christian Falsnaes, nun bis 26. August Marinella Senatore mit Auftragsproduktionen der Kunsthalle – zeigen können, und ein "Schaufenster" mit einem Kunstwerk im Wechsel. Dazu kommen an der einen Wand Anselm Kiefers Sefiroth, eine monumentale Variante des von ihm wiederholt visualisierten kabbalistischen Begriffs, neuneinhalb Meter hoch, fünf Meter breit und 2,74 Tonnen schwer, sowie, von der Decke an langen Ketten aufgehängt und monoton kreisend, eine Bahnhofsuhr und ein Stein: Alicja Kwades Bewegte Leere des Moments.

Einer der zwölf Bronzegüsse von Max Ernsts Capricorn, dem überlebensgroß ironisch verfremdeten Selbstporträt mit Dorothea Tanning, markiert die Passage zum Jugendstilbau, die eine der "Zahlgrenzen" zur Sammlung bildet: 10 Euro inklusive Sonderausstellung. Das gilt auch für die 900 Quadratmeter Wechselausstellungsräume auf derselben Ebene, in denen bis 9. September Jeff Wall zu sehen ist. Insgesamt vergrößerte sich die Ausstellungsfläche von 4.168 auf knapp 5.700 Quadratmeter. Einen festgelegten Rundgang gibt es nicht. Darauf haben die Architekten ebenso wie die Ausstellungsregisseure verzichtet.