2. Tag

Heute treiben wir uns in ­Kreuzberg herum. Wir starten am ­Mariannenplatz nahe dem Engelbecken, wo im frühen 20. Jahrhundert ein innerstädtischer Kanal floss und nun ein Park das Auge erfreut. Auf dem Platz vor dem Künstlerhaus Bethanien errichten die Berliner Festspiele in Kooperation mit dem Planetarium Hamburg zur Art Week einen mobilen Kuppelbau, in dem unter anderem die kosmischen Visionen des Iren David O’Reilly zu erleben sind. Wir spazieren über die Oranienstraße zum Moritzplatz, traditioneller Schauplatz von Kämpfen zwischen Investoren und Gentrifizierungsgegnern, und natürlich spielt auch die Kunst dabei ihre Rolle. In einem ehemaligen Autoverleih in der Prinzenstraße erlaubt das Immobilienunternehmen Pandion derzeit eine Zwischennutzung: In The Shelf stellen Absolventen von Kunsthochschulen aus, aber auch die etablierten Kunst-Werke aus Mitte konnten hier schon ihre street credibility zur Schau stellen. Nach einem Kaffee im Urban-Gardening-Projekt Prinzessinnengärten schauen wir uns in der Berlinischen Galerie die Ausstellung des Schweizer Shootingstars Julian Charrière an, der den diesjährigen Gasag Kunstpreis erhalten hat. Ganz in der Nähe liegt das Jüdische Museum mit seinem avantgardistischen Anbau von Daniel Libeskind, das zur Art Week Lichtinstallationen von Mischa Kuball in den Stadtraum ausstrahlen lässt. Auch die aktuelle Ausstellung über Jerusalem ist den Besuch wert, und das Museumscafé im Lichthof lädt uns zur Mittagspause ein.

Die König Galerie in der ehemaligen Kirche St. Agnes ist mit Künstlern wie Julian Rosefeldt, Andreas Mühe oder Katharina Grosse ein Schwergewicht nicht nur der Berliner Galerienszene, während der Art Week werden hier Arbeiten von Annette Kelm und Alicja Kwade präsentiert.

Brooke DiDonatos "Closure", 2016, im Kindl in Neukölln © Brooke DiDonato

Am Bahnhof Hallesches Tor steigen wir in die U-Bahn. Die beiden großen Berliner Kunstmessen, die Positions und die im vergangenen Jahr neu gegründete Art Berlin finden dieses Jahr praktischerweise am selben Ort statt, in den Hangars des ehemaligen Flughafens Tempelhof, die U6 bringt Sie direkt dorthin. Wir steigen stattdessen am Mehringdamm in die Linie U7 um, die uns nach Neukölln fährt, ins Herz der Offszene. Unser erstes Ziel ist allerdings gut etabliert, das Kindl Zentrum für zeit­genössische Kunst in einer ehemaligen Brauerei bietet neben ambitionierten Ausstellungen auch das Café-Restaurant König Otto im Industrieambiente. Zur Art Week eröffnet "Absurde Routinen": Zehn zeitgenössische Fotografen und Fotografinnen thematisieren Alltagsabläufe. Danach geht es aufs Dach der Neukölln Arcaden, wo wir im Klunkerkranich bei Panoramablick zu Abend essen. Die Neuköllner Nächte sind lang: Also weiter in die Cocktailbar Schloss Neuschweinstei­ger, bei einem Old Fashioned vergessen wir die Zeit.