Die Cafeteria im fiktiven "DAU"-Institut: Von 2009 bis 2011 wurde hier jede Menge Wodka gekippt. Berlin hat lieber verzichtet. © Gruber

DAU – was bitte soll das sein? DAU ist der Titel eines Kunst-Größenwahn-Projektes, das aus 700 Stunden Filmrohmaterial besteht, aber weit mehr ist als ein Film, nämlich eine Lebensform, ein Realexperiment, eine Liveinstallation. Und außerdem eine für vier Wochen wiederaufgebaute Berliner Mauer im Zentrum der Hauptstadt hätte sein sollen. Doch dazu kommt es nun aller Voraussicht nach nicht. Trotz prominenter Fürsprecher, nicht zuletzt der Kulturstaatsministerin Monika Grütters und des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller, haben die Berliner Behörden am heutigen Freitag die Verwandlung des Areals um das Berliner Kronprinzenpalais in eine geschlossene Kunstwelt nicht genehmigt: Vom 12. Oktober bis zum 9. November hätte die Mauer stehen sollen, der Vorlauf sei zu knapp, hieß es nun, um die baurechtlichen und sicherheitstechnischen Fragen klären zu können.

DAU hängt damit in der Luft, und den Berlinerinnen und Berlinern entgeht vorerst eines der aufregendsten und radikalsten Kunstprojekte – ja, sagen wir doch – ever! Superlative machen zu Recht misstrauisch, weil sie meist nur Phrasen sind, doch in diesem Fall geht es nicht ohne sie.

Erschaffen hat und am Leben erhält diesen Kunstseparatkosmos der 43-jährige russische Regisseur Ilya Khrzhanovsky. Er ist weniger ein klassischer Filmregisseur als ein geheimnisvoll-charismatischer Demiurg und Schamane, der Welten schafft, bei denen nicht mehr eindeutig zu sagen ist, ob sie noch Kunst oder schon Wirklichkeit, reines Leben sind.

Auf jeden Fall ist er ein Genie der Menschenfischerei, ein Kunstguru, der über die Gabe verfügt, die bedeutendsten Namen aus der Kunst- und Wissenschaftswelt für seine obsessive Installation am lebendigen Leib zu begeistern – von Peter Sellars über den Dirigenten Teodor Currentzis bis zur Mutter aller Performancekünstler Marina Abramović. Und nebenbei und zuallererst hat er auch den russischen Unternehmer Sergej Adoniev, der mit Mobilfunklizenzen zu Reichtum gekommen ist und sich seither für alles interessiert, was auf exzentrische Weise nach radikaler Zukunft aussieht, überzeugt, das Riesenprojekt zu finanzieren.

Echtes Leben im Container

Für die Dauer von drei Jahren hatte Ilya Khrzhanovsky in der ukrainischen Stadt Charkiw in einem ehemaligen Schwimmbad jenes Institut nachbauen lassen, in dem zwischen 1937 und 1968 die Elite der sowjetischen Naturwissenschaftler saß, um unter anderem die Wasserstoffbombe zu entwickeln. Die Zentralfigur des Instituts war der russische Ausnahmephysiker und Nobelpreisträger Lew Landau, den man den "Einstein der Sowjetunion" nannte. Sein Spitzname ist Dau, und verkörpert wird er in Ilya Khrzhanovskys Filmprojekt von einem ebenfalls schamanisch-charismatischen Ausnahmekünstler, dem griechischen Dirigenten Teodor Currentzis.

Denn in DAU gibt es keine Schauspieler, nur Teilnehmer. Von 2009 bis 2011 lebten die bis zu 400 Institutsangehörigen in der Filmkulisse, die längst zu ihrer wirklichen Lebenswelt geworden war: echte Köche, die in der Institutskantine kochten, echte Kellnerinnen, die in der Cafeteria bedienten, ein echter Stall mit grunzenden Schweinen, Labore mit echten Ratten, echte Nobelpreisträger, die für Wochen ins Institut einzogen, dort lebten, forschten, schliefen und liebten, allerdings immer in den Kostümen der Zeit. Weil es kein Drehbuch gab und Khrzhanovsky nur die äußeren Koordinaten von Raum und Zeit vorgab, lebten, ähnlich wie im Big-Brother-Container, die Teilnehmer ihr Leben. Sie bestimmten, was passiert, indem sie ihren Funktionen nachgingen. An insgesamt 127 Tagen war die Kamera als stummer Zeuge zugegen, erbarmungslos unerbittlich geführt von Jürgen Jürges, der schon für Michael Haneke und Rainer Werner Fassbinder drehte.

Von der Aufhebung des Unterschieds von Kunst und Leben zu reden, ist oft nur eine leere Phrase aus dem Reservoir der Möchtegern-Avantgarde. Bei Khrzhanovsky indes entfaltet diese Transgression eine Wucht, die man nicht für möglich gehalten hätte: Was zwischen den Teilnehmern passiert (zu denen auch notorische russische Neonazis gehörten), welche menschlichen Abgründe sich auftun, welche Mischung aus Gewalt und Apathie sich in diesem geschlossenen System einstellt, das ist nur schwer zu glauben. Die Sexorgien gehören zum Harmlosesten. Immer wieder möchte man ausrufen: "Das haben sie doch jetzt inszeniert, das ist doch nicht spontan so entstanden!" Aber genau das ist es.