Von ihrem Logenplatz an der Wand im Louvre hat die Mona Lisa schon viele merkwürdige Dinge gesehen. Seit einigen Jahren sind es vor allem Hinterköpfe. Wir sprechen hier nicht nur von den Häuptern amerikanischer Rap-Nobilitäten wie Beyoncé, Jay-Z, Eminem oder P. Diddy. Oft dreht gleich die gesamte erste Besucherreihe der berühmten "Joconde" den Rücken zu, um sich selbst für die eigenen Handykameras wirkungsvoller in Pose zu werfen. Ein Selfie mit der Mona Lisa! In den hinteren Reihen werden Leichtgewichte von ihren Partnern auf die Schultern gehoben, um den besten Winkel für die Aufnahme über die Massen hinweg zu ergattern. Wer den Wahnsinn nicht vor Ort erleben möchte, dem sei das Internetfilmchen Mona Lisa Selfie (iW3) des britischen Künstlers Daniel McKee empfohlen. Danach folgt sofort die Bereitschaftserklärung zum Digital Detox.

Ich gestehe, auch ich habe es getan. Ich habe Kunst fotografiert. Nein, noch schlimmer: Ich habe Menschen vor Kunst fotografiert. Zuletzt meine Frau in einer Installation bunter Lampengirlanden von Pipilotti Rist, Pixel Forest betitelt, im Museum der Fondation Luma in Arles. Und am Tag darauf haben wir ein gemeinsames Selfie vor dem Pont du Gard gemacht. Wenn ich solche Fotos später wieder anschaue, beschleicht mich stets das schlechte Gewissen, den abgebildeten Werken – egal ob Kunst oder kulturelle Sehenswürdigkeiten – nicht wirklich gerecht geworden zu sein.

Dieser Artikel stammt aus Weltkunst Heft Nr. 147/2018

Die Bilder zu posten käme mir allerdings nicht in den Sinn. Das ist wohl auch besser so. Denn bei der Frage, welche Kunst im Museum fotografiert und in den sozialen Medien geteilt werden darf, ist die Rechtslage unübersichtlich. Museen geben eine grobe Antwort in ihrer Besucherordnung. So erlaubt das Städel in Frankfurt Fotos für private Zwecke, außer es ist bei einzelnen Werken anders gekennzeichnet. Für eine Veröffentlichung braucht man dagegen eine Genehmigung. Ähnlich handhaben es die Pinakotheken in München, die aber manche Sonderausstellungen und interessanterweise auch das Museum Brandhorst von der Erlaubnis ausnehmen. Solche Fotografierverbote haben nicht zuletzt mit dem Urheberrecht zu tun, das erst 70 Jahre nach dem Tod eines Künstlers erlischt. Zudem ist die Frage, wann ein Posting auf Instagram als privat und wann als Veröffentlichung anzusehen ist, ein rechtlicher Graubereich. Eigentlich müsste man von allen Werken, die man fotografieren möchte, die entsprechenden Hinweise lesen. Oder man lässt Kamera und Handy einfach ausgeschaltet in der Tasche.

Aus Mangel an Achtsamkeit haben Besucher bei der Selbstablichtung schon Werke zerstört. 2017 kam es in einer Galerie in Los Angeles zu einem fatalen Domino-Effekt, bei der eine ganze Sockelreihe mit fragilen Skulpturen umfiel. Offensichtlich gerät die Kunst in Gefahr, wenn sie an den Rand des Betrachterinteresses rutscht. Doch die Massen strömen weiter. Ein Renner sind klar Yayoi Kusamas vollverspiegelte Infinity Mirror Rooms: Beim Schlangestehen überprüfen die Wartenden ihre Internetverbindung, bevor sie dann 30 Sekunden allein ins transzendente Kunsterlebnis entlassen werden. Das umgehend gepostete Beweis-Selfie, der Auslösende immer schön zentral in der Bildmitte, dokumentiert die erfolgreiche Teilnahme am Kulturevent. Als ideale Fototapete für die Selbstdarstellung bieten sich natürlich auch die It-People der Kunstgeschichte an – Botticellis Venus, Klimts Paar beim Kuss. Der einleuchtende Vorteil: Wer sich neben der Mona Lisa inszeniert, macht ein Selfie mit einem Promi, der nicht weglaufen kann.

Doch verrät man nicht die Seele eines Meisterwerks, wenn man es auf seinen Status als Besuchermagnet reduziert? Die Qualität eines großartigen Gemäldes setzt sich aus der Art und Weise zusammen, wie künstlerisch innovativ es zu seiner Entstehungszeit wirkte, und aus den zahlreichen intensiven und auch gegensätzlichen Gefühlen, die es heute beim Publikum erzeugt. Zwei Größen also, die sich nicht sinnvoll quantifizieren lassen. Der Blick auf das winzige Pixeldisplay des Handys bedeutet jedoch zwangsläufig eine emotionale Distanzierung von der gelegentlich auch überwältigenden Präsenz der Kunst.

Man braucht es ja nicht dogmatisch zu sehen: Nichts spricht dagegen, lieben Freunden den Schnappschuss einer malerischen Preziose zu mailen, die man in einem Provinzmuseum entdeckt hat. Doch sehr viele berühmte Bilder findet man schon in bester Qualität im Internet. Das Städel stellt seine Sammlung online zur Verfügung. Wie könnte man das als Hobbyfotograf übertreffen?

Zumal sich eine wirkliche Verbindung zur Kunst erst durch intensives Hinschauen einstellt – mitunter auch bis zu einem heilsamen Punkt der Langeweile. Nach unserem Besuch des Pont du Gard saßen wir noch lange im Schatten der Platanen am Ufer, picknickten, lasen und registrierten das Treiben der Besucher und die allmähliche Veränderung der Szene durch den Stand des Sonnenlichts. "Schau mal, durch die Farbe des Sandsteins wirkt es, als würde die Brücke über dem Fluss schweben", sagte meine Frau. Ich habe gleich versucht, den Effekt zu fotografieren. Das Bild ist leider nichts geworden.

Dieser Artikel stammt aus der Weltkunst, Heft Nr.147/2018.